24 – Die Sache mit dem Weihnachtsmann – 2/2

»Hagio-was? Nein, was ist das?« Connie legte den Kopf leicht schief. Die Kälte in ihren Augen schien langsam zu schmelzen.

»Siehst du, das habe ich mich auch gefragt. Hagiophobie beschreibt im Grunde die Angst vor heiligen Personen oder heiligen Dingen. Wozu ja auch Weihnachten zählt. Und in gewissem Sinne auch der Weihnachtsmann.«

Ich sah ihr an, dass sie gelacht hätte, wäre sie nicht so verdutzt gewesen. »Ist das dein Ernst oder denkst du dir das gerade aus?«

»So was Beklopptes kann man sich doch gar nicht ausdenken. Wenn du mir nicht glaubst, dann schmeiß Google an und lies es nach.« Ich schnappte mein Smartphone vom Nachttisch und hielt es ihr hin. Doch sie schüttelte den Kopf.

»Schon gut, ich glaub’s dir. Aber wenn du wirklich dieses Hagio-Dings hast–«

»Hagiophobie.«

»Hagiophobie, okay. Was ist dann mit anderen Sachen? Es gibt ja noch eine ganze Handvoll weitere heilige Personen neben dem Weihnachtsmann.«

»Du meinst so was wie Jesus oder den Papst? Nein, das ist es ja eben, deshalb bin ich mir ja auch nicht sicher, ob das wirklich mein Problem ist. Kirchen oder Kreuze stören mich schließlich auch nicht. Aber die Sache mit dem Weihnachtsmann…«, ich schüttelte den Kopf, »da ist es aus.«

»Und wie lange hast du das schon?« Sie fragte es vorsichtig, als wäre sie nicht sicher, wie fest das Eis war, auf das sie sich begab.

»Nicht so lange wie man glauben könnte. Als Kind war es jedenfalls noch nicht da.«

»Wirklich? Viele Kinder haben ja Angst vor dem Weihnachtsmann – vielleicht hast du es einfach nur vergessen?«

»Nein, nein, Connie. So war das nicht.«

»Möglicherweise ein verdrängtes Ereignis, das unterbewusst aber noch da ist und dir irgendwie zu schaffen macht? Ich hab doch auch keine Ahnung von solchen Sachen.«

Es half nichts. Sie würde es nur verstehen, wenn ich ihr alles erzählte. »Es ist mal was passiert und daran erinnere ich mich noch sehr genau. Doch da war ich schon kein Kind mehr.« Ich schluckte schwer. »Entschuldige, gib mir eine Sekunde, okay?«

Connie nahm mich bei den Händen. Diesmal umklammerte sie mich nicht fest, sondern mit einer Geborgenheit, die fühlbar aus ihren Fingern abstrahlte. Nachdem ich einige Minuten mit mir gerungen hatte, sprach ich weiter: »Um es zu verstehen, muss ich etwas ausholen. Wahrscheinlich wirst du erst mal verwundert sein, denn der Zusammenhang wird nicht gleich klar.«

»Verwundert bin ich ohnehin schon. Erzähl, wie du es für richtig hältst.«

Ich räusperte mich, weil mein Hals so unglaublich ausgetrocknet war. »Erinnerst du dich, was ich dir von meinem Vater erzählt habe? Wie er gestorben ist, meine ich?«

»Aber natürlich. Oh Gott, ich krieg schon Gänsehaut, wenn ich nur dran denke. Diese schreckliche Geschichte.«

Ich nickte. »Also den Einbrecher, den er damals überrascht hat, von dem alle glaubten, er wäre ihm allein begegnet … Na ja, so war es aber nicht … Wenn du so willst, gab es noch einen Zeugen. Ich habe den Typen nämlich auch gesehen.«

»Was? Ich dachte, du hättest geschlafen?«

»Das habe ich der Polizei erzählt. In Wahrheit bin ich durch den Krach wachgeworden und musste zusehen, wie der Kerl mit einem Hammer auf meinen Vater eingeprügelt hat. Damals war ich fast 17, doch schon ziemlich kräftig. Wahrscheinlich hätte ich den Typen überwältigen können, wenn ich mich von hinten angeschlichen hätte. Doch es ging nicht. Als ich ihn sah, erstarrte ich plötzlich. Mein Körper war wie taub, als wäre ich in mir selbst gefangen.«

»Mein Gott, Nils, das war der Schock.« Sie nahm mich in den Arm und ich sank mit dem Kopf gegen ihre Brust.

»Seltsamerweise hat der Kerl mir kein Haar gekrümmt, obwohl er mich eine Ewigkeit angestarrt hat, nachdem er mit meinem Vater fertig war. Er ist dann einfach gegangen.«

»Weißt du was für ein Glück du hattest? Er hätte dich auch umbringen können.«

»Darüber habe ich so oft nachgedacht. Manchmal nächtelang. Doch ich kann’s mir nicht erklären. Nur dass er mich vielleicht absichtlich am Leben gelassen hat, damit ich noch mehr leide und in ständiger Angst lebe. Seit damals sind mir einige Theorien durch den Kopf gegangen, aber das sind eben nur Spekulationen… Wie auch immer – lass mich mal den Bogen zum Anfang spannen. Du fragst dich bestimmt schon, was diese Sache mit meiner Angst vor Weihnachten zu tun hat, oder?«

»Vielleicht weil du nur noch deinen Vater hattest, nachdem deine Mutter gestorben war? Weil er deine Familie war und Weihnachten ja das Fest der Familie ist?«

Ich schüttelte den Kopf. »Die Sache ist viel eindeutiger.«

»Nämlich?«

»Dieser Typ. Der Einbrecher. Er war verkleidet – als Weihnachtsmann. Nur sein Gesicht war halt mit einer roten Sturmhaube verhüllt, an die aber so komische Bommeln drangenäht waren. Total krank. Das war irgendein Wahnsinniger, der zur Adventszeit in Wohnungen eingebrochen ist und dort alle Leute erschlagen hat. Völlig wahllos. Es stand in allen Zeitungen.«

Nach all der Zeit war es endlich raus. Ab dem Moment brachte ich keinen klaren Satz mehr zustande, sondern weinte nur noch sehr lange in Connies Armen. Sie hielt mich fest, streichelte mich, weinte mit mir, bis weit in die Nacht.

»Ich weiß, der Weihnachtsmann im Einkaufszentrum ist nur irgendein Typ im Kostüm«, sagte ich später. »Wahrscheinlich ein Arbeitsloser, der vom Jobcenter verdonnert wurde, den Kindern etwas vorzuspielen. Vielleicht sitzt er gerade in einer Kneipe und versäuft seinen Lohn. Und trotzdem… Der Verrückte von damals ist nie gefasst worden. Seitdem erwarte ich ihn zur Weihnachtszeit an jeder Ecke.«

»Hättest du nur früher was gesagt, dann wäre ich doch nie so ekelig zu dir gewesen«, sagte Connie. »Mach dir wegen morgen keine Sorgen. Ich gehe mit Pauli. Du musst nicht mitkommen, wenn du das nicht schaffst.«

»Das wäre besser. Nicht dass unser Sohn später genauso gestört ist wie ich, weil er miterleben muss, wie sein Vater beim Anblick des Weihnachtsmanns in Heulkrämpfe ausbricht.«

»Du bist nicht gestört, du hast nur etwas Schlimmes erlebt. Aber wenn dich diese Sache so fertig macht, solltest du dir wirklich mal den Rat eines Fachmanns einholen.«

Meine Finger kneteten die Bettdecke durch. »Ich weiß nicht, ob ich das kann.«

»Es nagt schon zu lange an dir. Da muss ein Spezialist ran.«

Irgendwann schliefen wir ein. Ich versank in einen langen, traumlosen Schlaf.

*

Am nächsten Tag gingen Connie und Paul allein ins Einkaufszentrum. Paul steckte seinen Wunschzettel ein und verabschiedete sich mit einem Kuss von mir. Auch Connie küsste mich. Die Haustür ging zu und ich war wieder allein. Diesmal, so schien es, für immer.

Vom Fenster aus sah ich den beiden nach, wie sie die Straße entlang zur Innenstadt spazierten und dabei Spuren im Schnee hinterließen. Als sie um eine Hausecke verschwanden, schloss ich die Manuskriptdatei auf dem Laptop, an der ich vorgegeben hatte zu arbeiten und verließ die Wohnung. Im Treppenhaus grüßte ich unsere alte Nachbarin Frau Klein, die gerade mit Einkaufstüten in ihrer Wohnung verschwand und stieg dann bis in den Keller hinab. Dort unten gab es für jeden Mieter eine kleine Parzelle, in denen alter Krempel vor sich hin staubte. Ich sperrte unsere Holztür auf und schob einen maroden Sessel beiseite, um in die hinterste Ecke zu gelangen. Dort stapelte sich ein Turm aus Umzugskartons, in denen ich alte Belegexemplare der Kitschromane aufbewahrte, mit denen ich unseren Lebensunterhalt erschrieb. Ich arbeitete mich zur untersten Kiste vor, die vom Gewicht der übrigen Kartons schon ganz eingedrückt war und klappte den Pappdeckel auf. Sie enthielt keine Bücher, sondern ein Haufen alter Plastiktüten quoll daraus hervor. Alle leer, bis auf eine. Ich nahm sie und zog das heraus, was darinnen steckte: Ein roter Mantel, an dessen Kragen mit einer Sicherheitsnadel eine rote Sturmhaube befestigt war. Die Bommeln, die an die Sturmhaube angenährt waren, schwangen bei jeder Bewegung. Ich schüttelte die Sachen aus und streckte sie auf Armeslänge weg, um sie zu betrachten.

Der Weihnachtsmann, all die Jahre hatte er in diesem Karton auf mich gelauert. Seiner Meinung nach viel zu lange. Verborgen in der Dunkelheit.

Ich streifte Mantel und Haube über – beide passten noch. Ein schwerer Gegenstand beulte eine der Innentaschen aus. Der Hammer, an dem noch trockenes Blut klebte. Inzwischen so braun, dass es wie Rost aussah.

Ich behielt die Klamotten an, als ich unsere Parzelle wieder absperrte und hoch in die Wohnung ging. Anscheinend würde der Weihnachtsmann dieses Jahr doch noch kommen.


Text: Tim Reischke