23 – „… kein lebendiges Wort mehr herausbringen.“

Christa Wolf und ihr Verleger Elmar Faber

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diesen Beitrag.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ein mysteriöses Zitat, für dessen Veröffentlichung Christa Wolf verbissen kämpft – ein Kampf der schließlich zu einer Grundsatzdebatte über das Schreiben, die Zensur und die Sorge um die Zukunft der Menschheit führt. Worum handelt es sich und wie können wir diesen Brief verstehen?

1986: Es ist Herbst in Ost-Berlin und die international bekannte DDR-Schriftstellerin Christa Wolf – zu diesem Zeitpunkt 57 Jahre alt – ist empört. Im vergangenen Jahr hatte sie den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur verliehen bekommen und ihre Dankesrede für einen radikalen Vergleich genutzt:

„Die arbeitsteilig organisierten Industriegesellschaften müssen die Fähigkeiten, Strebungen und Wünsche ihrer Mitglieder nach ähnlichen Gesichtspunkten als ‚nützlich‘ oder ‚unnütz‘ selektieren wie die KZ-Bewacher die ihnen ausgelieferten Häftlinge als ‚noch brauchbar‘ oder ‚lebensunwert‘.“

Erscheinen sollte die Rede ursprünglich in „Die Dimension des Autors“, einer zweibändigen Sammlung von Aufsätzen, Gesprächen und Essays der Schriftstellerin. Abgegeben hatte Wolf das Manuskript schon im Januar ’86 und es ist September, als ihr Verleger Elmar Faber sie darum bittet, zwischen zwei umformulierten Varianten zu wählen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Autorin bereits einer abgemilderten Passage zugestimmt. Ihr Antwortbrief fällt dementsprechend deutlich aus: Sie fordert gute Begründungen für Streichungen in ihren Schriften, pocht auf ihr Recht der freien Meinungsäußerung und betont den Wert der Freiheit des Schreibens als Lebensbedingungen für sie und Ihresgleichen. Es folgen harsche Kritik an Faber für seine Parteilinientreue an falscher Stelle, große Worte über Literatur sowie ein düsterer Ausblick auf deren Ende, nicht zuletzt die unterschwellige Drohung, eine öffentliche Debatte anzufachen. Wolf rechtfertigt die Ernsthaftigkeit ihres Schreibens mit der Sorge um einen drohenden Werteverfall und die Erinnerung an schlimme, vergangene Zeiten.

Ihre Motive, ihre Ahnungen und Befürchtungen erscheinen verständlich, doch was verwandelt den Brief in eine derart ernste und bittere Abrechnung?

Christa Wolf wird oft als kritische Zeitgenossin rezipiert, die sowohl mit dem offiziellen Parteikanon als auch mit der vorgegebenen, „erlaubten“ Sprache ihre Probleme hatte. Dennoch war sie vierzig Jahre lang überzeugtes, wenn auch kritisches Mitglied in der SED. So wurde sie denn auch im Westen als Fremde erkannt: „Christa Wolf ist als Sozialistin zu Besuch in einem nichtsozialistischen Land.“

Um ihr Verhältnis zur Zensur richtig zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass sie niemals den kulturpolitischen Instanzen die Alleinschuld für die Schwierigkeiten und den Druck des Schreibens geben wollte und konnte. Tatsächlich sah Wolf ihren ärgsten Feind in ihrer „Selbstbewachung“, dem Wissen um die Macht der Worte, das dazu führte, dass sie oft mehrere Jahre brauchte, um Bücher von wenigen hundert Seiten fertigzustellen. Heinrich Böll schrieb einige Jahre zuvor treffend: „Autorschaft setzt permanente Überprüfung […] der eigenen Position, des Zustandes der Welt, der Gesellschaft, des Staates, in dem einer lebt, voraus.“

Damals wie heute.

Tabea Speder


Literatur:

Drescher, A. (Hg.) (1990). Christa Wolf. Ein Arbeitsbuch. Studien, Dokumente, Bibliographie. Frankfurt am Main: Luchterhand-Literaturverlag.

Nowojski, W. (1987). Berlin – ein Ort für den Frieden. internationales Schriftstellergespräch anläßlich des 750jährigen Jubiläums der Stadt, 5. – 8. Mai 1987. Berlin: Aufbau-Verlag.

Wolf, C. (2016). Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten. Briefe 1952-2011, hg. v. Sabine Wolf. Berlin: Suhrkamp Verlag.

 

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