23 – Die Sache mit dem Weihnachtsmann – 1/2

»Papa, der Weihnachtsmann!«, rief Paul. Mein Puls beschleunigte sich schlagartig, als er mich zu einem Podest zerrte, das umringt von Kindern war. Der Weihnachtsmann saß auf einem goldenen Thron, während ein Junge von seinem Schoß aufschaute und ehrfürchtig einen Wunsch äußerte.

»Ich will auch. Darf ich Papa? Darf ich?«

»Jetzt nicht, wir müssen nach Hause, sonst zieht Mama uns die Ohren lang.«

»Ach, Mann. Das ist unfair.«

Mit einem Schmollmund trottete Paul hinter mir her. Ich fühlte mich wie ein Spielverderber und würde später mindestens so wütend auf mich sein, wie Paul es gerade war. Doch im Moment wollte ich nur weg hier.

Er war ganz aufgeregt, als er seiner Mutter zu Hause erzählte, er habe den Weihnachtsmann gesehen.

»Hast du ihm deinen Wunschzettel gegeben?«, fragte Connie.

Paul schüttelte den Kopf. »Hatte ich nicht dabei, der liegt noch auf meinem Schreibtisch. Aber das war egal, weil Papa gesagt hat, wir müssen nach Hause gehen.«

Ich saß mit dem Smartphone im Wohnzimmer und tat, als wäre ich völlig in eine E-Mail von meinem Verlag vertieft. Dabei strich Connies Blick wie eine Böe über mich hinweg, die einen aufkommenden Schneesturm ankündigt.

»Dann frag den Papa doch, ob er jetzt noch mal mit dir ins Einkaufszentrum geht. Der Weihnachtsmann ist bestimmt noch da.«

Mein Magen verkrampfte sich.

Paul schrie begeistert und rannte zu mir. Er warf sich halb über die Lehne meines Sessels und grinste mich an.

»Na, mein Freund. Alles klar?« Meine Stimme klang gelassener als ich dachte.

»Können wir zum Weihnachtsmann gehen? Biiitte!« Seine Kulleraugen funkelten voller Vorfreude.

»Weißt du, ich glaube, der Weihnachtsmann ist schon wieder weg. Es gibt so viele Kinder auf der Welt, da kann er immer nur ganz kurz an einer Stelle bleiben. Sonst schafft er es bis Weihnachten gar nicht alle Wünsche einzusammeln.«

»Ja eben«, sagte Paul. »Er hat meinen Wunschzettel noch nicht, woher soll er wissen, was er mir schenken soll?«

»Genau, woher soll er das wissen, Nils?«, sagte Connie. Sie stand mit in die Hüften gestemmten Fäusten da und lächelte mich an. Doch nur ihr Mund lächelte, ihre Augen waren so kalt, als könnten sie Eisstrahlen verschießen.

»Na ja… wir könnten den Wunschzettel mit der Post schicken«, schlug ich vor.

»Aber dann kriegt er den vielleicht nicht mehr rechtzeitig. Ich will ihm den Zettel lieber selbst geben.«

»Also, ich bin sicher…«

»Nun mach schon«, fauchte Connie.

»Ich wollte jetzt eigentlich noch mal los«, sagte ich. »Die vom Verlag haben geschrieben… wegen des Buchs, sie meinten–«

»Du bist unmöglich!«, schnitt Connie mir das Wort ab. »Komm Pauli, lass Papa hier, wir gehen allein.«

»Ja! Ich hol’ nur schnell den Wunschzettel.«

Die Wohnungstür flog mit einem Krachen ins Schloss und die Stimmen der beiden verklangen langsam im Treppenhaus. Stille verschleierte die Wohnung. Ich stützte mein Kinn in die Hand, sah aus dem Fenster, hinter dem die ersten Schneeflocken durch die Straßen wehten und hätte fast geheult.

*

Als sie zurückkamen, schimmerten Tränen auf Pauls roten Wangen und die Augenbrauen schoben sich zusammen, bis eine Zornfalte zwischen ihnen entstand. Er knallte Jacke und Schuhe in den Flur und setzte sich dann mit verschränkten Armen auf das Sofa.

»Du hattest recht«, sagte er. »Der Weihnachtsmann war schon weg. Was soll ich denn jetzt machen, Papa?«

Connie legte ihren Mantel ab und sammelte Pauls Sachen vom Boden auf.

»Darüber haben wir doch schon gesprochen, Schatz«, sagte sie. »Der Weihnachtsmann ist morgen wieder da. Dann gehen wir noch mal hin.«

»Aber wenn er nicht kommt? Wenn er lieber die anderen Kinder besucht, wie Papa gesagt hat?«

»Er kommt, das verspreche ich dir. Und wir gehen gleich hin, wenn ich dich aus der Kita abgeholt habe. Jetzt lass uns aber erst mal was essen. Ich mache dir Pfannkuchen, wenn du willst.«

Für den Rest des Abends ignorierte Connie mich. Erst als wir ins Bett gingen, schien ich wieder zu existieren.

»Und, wie war’s beim Verlag? Hast du den Millionendeal unterschrieben?«

»Äh … das hat sich erledigt. Sie…«

»Hältst du mich eigentlich für bescheuert? Das war total mies von dir, du weißt genau wie sehr Paul sich auf den Weihnachtsmann freut.«

Ich nickte und zupfte nervös an der Bettdecke herum.

»Mehr hast du nicht zu sagen?«

Sie versuchte mich wieder mit dem Eisköniginnenblick zu gefrieren. Ich schlug die Decke zurück und wollte aus dem Bett springen, doch Connie packte mich am Handgelenk.

»Was willst du hören?«, sagte ich, versuchte mich aber nicht aus ihrem Griff zu befreien. »Dass ich mich beschissen fühle? Dass ich unseren Sohn enttäuscht habe? Dass ich als Vater nichts tauge?«

»Es würde mir schon reichen, wenn du nicht wieder wegrennst, sondern mir endlich erklärst, was für ein Scheiß Problem du mit Weihnachten hast? Jedes Jahr dieses Theater. Ich darf keinen Baum aufstellen, Weihnachtsschmuck ist verboten und Paul bekommt nie Besuch vom Weihnachtsmann. Was soll das? Ich versteh’s nicht.«

»Ich habe meine Gründe…«

»Na, da bin ich aber gespannt.«

Mir war klar, dass wir dieses Gespräch eines Tages führen mussten. In den vergangenen Jahren war es einige Male fast soweit gewesen, doch bisher hatte ich es immer abwenden können. Diesmal jedoch schien Flucht unmöglich. Nicht weil Connie mich festhielt oder stärker nachbohrte als sonst, sondern weil mir einfach die Kraft fehlte, mich dagegenzustemmen.

»Nils bitte, Paul ist schon fünf und durch den Kindergarten geistern bereits die ersten Gerüchte, dass nicht der Weihnachtsmann, sondern die Eltern die Geschenke bringen. Nächstes Jahr zerplatzt der Traum vielleicht schon. Tu es nicht für mich, tu es für ihn.«

Sie ließ mich los und ich seufzte schwer, als ich mich ins Kissen zurücksinken ließ. »Ich habe das noch niemandem erzählt… Es ging nicht. Dabei zerfrisst es mich. Jeden Jahr ein bisschen mehr.«

Connies Augenbrauen hoben sich. »Was es auch ist, du weißt, du kannst mir vertrauen.«

»Mir war es einfach zu peinlich mit jemandem darüber zu reden. Darum bin ich auch nie bei einem Arzt oder Psychologen oder so gewesen. Ich habe lediglich ein wenig im Internet geforscht, aber schlau wurde ich daraus auch nicht, im Gegenteil.«

»Und worauf bist du gestoßen?«

»Auf nichts Greifbares. Auf… auf… na ja, die einzige Sache, die im Zusammenhang mit meiner Haltung zu Weihnachten steht, hat mit einer Angststörung zu tun. Wahrscheinlich hast du davon noch nie gehört. Sie nennt sich… Hagiophobie.«


Text: Tim Reischke