22 – Über einen leeren Schreibtisch voll von Träumen oder davon, wie man das Leben zu seinem Knecht macht

Wolfgang Koeppen und sein Verleger Siegfried Unseld

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diesen Brief.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wolfgang Koeppen (1906-1996) brachte der Literaturwelt das Warten bei und schenkte seiner Umgebung die Gabe der Geduld, während er sich friedlich in Luftschlössern von Ideen, Fantasien und unvollendeten Texten herumtrieb.

Hunderte von Briefen verfasste er an seinen Verleger Siegfried Unseld, deren Kern nur eines zu sein scheint: Ausreden, Erklärungen und Gründe für das Nichtschreiben. Das Werk eines wahren Meisters der Prokrastination. Dabei scheint es von Anfang an so, als hätten Koeppen und Suhrkamp einen stillen, ungeschriebenen Vertrag geschlossen, bei dem Koeppen dazu verpflichtet war immer wieder falsche Versprechen abzugeben, während Unseld sich blind stellen und die Hoffnung auf neue Romane geduldig bewahren sollte. Der vorgestellte Brief: ein erstklassiges Beispiel.

Seiner Nachkriegstrilogie und seinen Reiseberichten verdankte er seinen Ruhm, einen Vertrag mit dem Suhrkamp Verlag und sich daraus ergebend Unmengen an Geld. Koeppen brauchte nur darum zu bitten, hier und da ein paar annehmbare Gründe zu benennen, sich ausgedehnt zu bemitleiden und dem Gewidmeten seiner Briefe eine Prise Hoffnung auf neue Werke zu schenken. Das war seine Formel für das Schreiben schwarzer Zahlen auf seinem Konto. In den ersten zwei Arbeitsjahren zauberte er sich so bis zu 80.000 DM. Ein Betrag, dessen Höhe zu diesen Zeiten keinem anderen Autor vorgeschossen wurde. Hilfreich dabei war sein umfassendes Repertoire an Ausreden über Krankheiten, Ängste, Sorgen, Umzüge und ausgedehnten Reisen. Der Lieblingssündenbock: seine 20 Jahre jüngere, alkoholsüchtige und suizidgefährdete Frau Marion, welche ihn angeblich vom Vollenden abhielt. Seitenlang und minutiös entfaltet er in Briefen seine spannungsreichen Erzählkünste – berichtet dabei von ihr und ihrem kunstzerstörerischen Benehmen. Wie viele von den Szenarien der Wahrheit entsprachen…darüber können wir heute nur spekulieren.

Die Atmosphäre, die jeden Leser seiner Briefe umhüllt, ist erfüllt von bedrückender Verzweiflung und Beklommenheit. Wie in einem Kopfkino passieren die geschilderten Szenen vor dem inneren Auge und lassen an dem Geschehen teilhaben. Besonders begeistert von Koeppens bildhaften Darstellungen war immer wieder sein treuer Verleger, welcher tiefer in das Chaos hineinblicken durfte. Er (über-)schätzte Koeppens fesselnde Art zu schreiben: „als ich Ihren Brief vom 18. August las, dachte ich, welch ein Brief, welch ein Dokument, welch ein Schreiber“ – so beschrieb er mit eigenen Worten seinen Autor und Schreiben in einem Antwortbrief vom 31. August 1967.

Auch Ermutigungen und viel Verständnis gehörten zur konstanten Choreografie der Partner. Auf jede Absage Koeppens erfolgte ein ‚Motivationsbrief‘ Unselds. Weiter antwortete der Suhrkamp-Chef: „Ich sah Ihre Situation, die Sie so schilderten, wie dies in einem ‚Roman‘ nie möglich wäre, und war doch ratlos. Ich folgte gespannt den Wendungen dieser Tragödie ohne Katharsis, ohne sie begreifen zu können, ich spürte die Verzweiflung, Ihre Verzweiflung, ohne einen Sinn zu sehen.

Seitdem ich Ihren Brief las, verfolgten mich seine Worte und Begebenheiten. Es ist mir, als könne ich das nie vergessen. Die Worte, die meine Sprache dafür findet, sind unzulänglich. […]“.

Unseld versuchte sich als Fan, Freund und Facharzt. Sein endgültiger Befund lautet: „Sie haben Schwierigkeiten beim Schreiben von Literatur, weil Sie diese Literatur in einer Hautnähe erleben, die Ihrem Schreiben keinen Atem lässt. […] Nur Sie selbst können sich am eigenen Schopfe herausziehen. Und nur indem Sie aus Ihrer Riesenschwäche ein Problem machen, dessen Subjektivität durch Besessenheit und Ausschließlichkeit ins Objektive und Rezipierbare umschlägt. Sie müssen sich selber schreiben. Sie müssen sich umgraben mit eigenem Wort. Ihr Brief zeigt mir, dass Sie sich vertrauen können. Sie sind stärker, als Sie wissen!“.

Dreißig Jahre lang tanzten sie zur gleichen Musik. Alle Briefe im gleichen Ton, mit der gleichen Melodie, von Unseld jedoch wie einzigartige Kunstwerke behandelt. Der Schreiber wird dementsprechend belohnt und gerühmt, bis an sein Lebensende. Koeppen beherrschte eben die besondere Kunst, andere für sich arbeiten und sorgen zu lassen, Sponsoren und Unterstützer für sich zu gewinnen, wie ein Hätschelkind behandelt zu werden – das Leben zu seinem Knecht werden zu lassen.

Sarah Belen Ekkel


Literatur:

Estermann, A. & Schopf, W. (Hrsg.). (2006) „Ich bitte um ein Wort“. Der Briefwechsel. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Häntzschel, H. (2016, 12. März). Einblicke in den Schriftstellernachlass. Bayerischer Rundfunk. Zugriff am 10.09.2018. Verfügbar unter https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/bayerisches-feuilleton/wolfgang-koeppens-nachlass-haentzschel100.html.

Schneider, W. (2006, 23. Juni). Der Tanz um das ungeschriebene Buch. deutschlandfunkkultur.de. Zugriff am 10.09.2018. Verfügbar unter https://www.deutschlandfunkkultur.de/der-tanz-um-das-ungeschriebene-buch.950.de.html?dram:article_id=134116.

 

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