21 – „Du bist so frei…“

Uwe Johnson und sein Verleger Siegfried Unseld

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diesen Brief.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Bei der Korrespondenz zwischen Uwe Johnson und seinem Verleger Siegfried Unseld wird deutlich, dass es durchaus möglich ist, Arbeit und Freundschaft zu verbinden. Über 25 Jahre herrschte ein anhaltender Austausch zwischen ihnen. Zwei Jahre vergehen, bis Johnson und Unseld sich in ihren Briefen persönlich ansprechen. Doch bei allem Engagement bestand auch Uneinigkeit zwischen ihnen.

Anfang der 1960er Jahre sollte eine internationale Zeitschrift ins Leben gerufen werden. Schriftsteller und Verlagshäuser in Italien, Frankreich und Deutschland waren an der Planung beteiligt. In Briefen und Unterredungen sowie Telefonaten ging es um Johnsons Beteiligung und die Rolle, die er einnehmen wollte.

Geplant war eine Dreimonatsschrift, die in den drei Ländern gleichzeitig und in allen drei Sprachen veröffentlicht werden sollte. Zum Sprecher der deutschen Redaktionsgruppe, zu der unter anderen Ingeborg Bachmann und Martin Walser gehörten, wurde Uwe Johnson gewählt. Die Verhandlungen zur Organisation des Unterfangens sowie zur Zielsetzung der Zeitschrift begannen 1962 mit einem Brief an Dionys Mascolo, einen französischen Verlagslektoren vom Éditions Gallimard Verlag, um mit ihm die ersten Schritte zu besprechen.

Das Vorhaben geriet jedoch schon kurz nach Beginn der Verhandlungen ins Stocken. So meinte Johnson, er brauche noch einige Zeit, um sich auf diese Arbeit einzustellen. Diese Verzögerung würde jedoch eher dafür sorgen, dass die Zeitschrift niemals zustande kommen würde.

Als Johnson von dem Posten zurücktreten möchte, wird Unselds Ton rauer. Er schlägt ihm vor, welcher Wohnort für diese Tätigkeit am günstigsten wäre und nagelt ihn regelrecht darauf fest. Dies ist besonders bitter, wenn man bedenkt, dass Johnson eigentlich aus der DDR kam.

Die Zeitschrift wird im Frühjahr 1964 in italienischer Version veröffentlicht. Die erste Ausgabe der „Gulliver“ sollte leider auch die letzte sein, die geplante deutsche sowie französische Version erschienen jedoch nicht. Die Gründe hierfür, so Enzensberger, sind „Fehler in der Struktur”, die sich auf die Organisation beziehen könnten. Der Misserfolg sorgte keinesfalls für den Bruch der Freundschaft, es herrschte auch weiterhin ein reger Briefkontakt. Kleine Sticheleien der beiden zeugen von dem teils sehr unbeschwerten Umgang miteinander, wenn Unseld beispielsweise bemerkte, dass Johnson sich doch etwas lesbarer ausdrücken solle oder er mit der Kürze seiner Briefe unzufrieden sei. Doch letztlich sind es die eingeräumten Freiheiten, die diese Beziehung erst ermöglichten; das Vertrauen Unselds in Johnson, das als Nährboden für dessen künstlerisches Schaffen diente. Diese Freiheit sicherte Unseld Johnson schon nach nur wenigen Jahren der gemeinsamen Arbeit zu und formulierte treffenderweise: „Du bist so frei und unabhängig, wie Du dies nur irgendwie zu sein vermagst.“

Andreas Auerwald


Literatur:

Fahlke, E. & Fellinger, R. (Hrsg.) (1999). Der Briefwechsel. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Enzensberger Zeitschrift. (1965, 09. Juni). spiegel.de. Zugriff am 02.09.2018. Verfügbar unter https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46272956.html.

 

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