2 – Der Suchende

Friedrich Schiller und sein enger Freund C. G. Körner

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diesen Brief.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Friedrich Schiller. Diese und viele weitere tolle Buchstützen zu Literaten, Künstlern und Musikern gibt es auf www.buchstuetzen.de zu entdecken. Foto: © Bernhard Siller

 

Schillers junge Jahre

Dichterisches Ausnahmetalent, in Kritiken als „deutscher Shakespeare“ bezeichnet. Erfolgreich und weit über Lebzeiten hinweg verehrt. Prädikate, die Friedrich Schiller zufliegen? Mitnichten. Ein beschwerlicher Weg voller Steine, die ihm den Pfad zum Erfolg verstellen, wird hinter ihm liegen, ehe sein Talent angemessen honoriert wird. Schiller fällt nichts zu, um alles muss er absolutistische Fürsten und geizige Mäzene bitten. Und nichts ist dem Moralisten und Idealisten mehr zuwider als das Gebundensein an Mächtige und ihre Günstlinge.

Dazu kommt seine Gesundheit. Von schweren Krankheiten niedergestreckt, kann er seine Arbeit nur langsam fortsetzen. Verschuldet sich. Bezahlt alte Schulden mit neuen Darlehen. Seine optimistischen Kalkulationen gehen nie auf – trotzdem lebt er stets etwas über seinen Verhältnissen.

Neben dem Wunsch, freier Schriftsteller sein zu können, treibt Schiller auch die Suche nach Stabilität, Freundschaft, Liebe und Geborgenheit um – und bleibt lange erfolglos. Erst, als er im Jahr 1784 den Schriftsteller und Juristen Christian Gottfried Körner kennen lernt, nimmt sein Leben eine neue Wendung.

Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein

Als Schiller im Juni 1784 einen Huldigungsbrief von Körner, Ludwig Ferdinand Huber und den Schwestern Stock erhält, ahnt er nicht, dass seine Geschicke sich damit zum Besseren wenden würden. Die Bitte, sich dem Freundschaftsbund der zwei Paare anzuschließen, lässt er zunächst sieben Monate lang unbeantwortet. Ungeachtet dessen erwächst nach seiner verspäteten Reaktion besonders zwischen Schiller und Körner eine euphorische Freundschaft, die sich zur menschlich bedeutsamsten im Leben des Dichters entwickelt.

Zum ersten Mal begegnen werden sich die beiden erst ein halbes Jahr später. Und doch könnten Schiller die freundschaftlichen Bande mit Körner nicht glücklicher machen. In ihnen findet der Ruhelose lang ersehnte emotionale Zuwendung. Außerdem Sicherheit – auch materiell. Körner ist nicht nur vertrauter Gesprächspartner, mit dem Schiller innerste Empfindungen und Umtriebe teilt. Er gewährt ihm auch finanziellen Rückhalt. Ohne eigennützige Ziele, ohne Schiller erneut das Gefühl zu geben, abhängiger Untergebener zu sein. Körner erweist sich als verlässlicher, charaktervoller und vor allem bedingungsloser Freund. Und einen solchen braucht Schiller zu diesem Zeitpunkt besonders.

Der Schiffbrüchige

Die tiefe freundschaftliche Beziehung zu Körner ist Schiller eine Hilfe dabei, das ständige Hinundhergeworfensein zwischen Erfolg und Misserfolg, Hochstimmung und tiefer Traurigkeit, zwischen Selbstbewusstsein und Selbstkritik zu bewältigen. Diese emotionale Achterbahnfahrt ist bezeichnend für Schillers junge Jahre. Seine Erwartungen, getragen von seinem idealistischen Geist, sind ein ums andere Mal hoch – und umso niederschmetternder dann auch die Enttäuschungen.

Dazu kommt sein durch Fremdbestimmung geprägtes Schicksal. Er empfindet sich als „Schiffbrüchiger, der sich mühsam aus den Wellen gekämpft hat“. Stetig ringt er um Selbstverwirklichung, und immer wieder werden seine Hoffnungen von den Umständen der Zeit niedergespült. Immer wieder ist er auf die Unterstützung charakterschwacher Personen angewiesen, die aufklärerische Ideale zwar propagieren, aber aus Obrigkeitsfurcht nicht realisieren. Und wiederholt wird ihm diese Unterstützung versagt. Seinen Fiesko verkauft er aus wirtschaftlicher Not für etwa 100 Gulden – ein geringerer Betrag als sein Jahresgehalt als Regimentsarzt – und tritt damit gleichzeitig sämtliche Rechte an dem Stück an den Mannheimer Theaterintendanten Wolfgang Heribert von Dalberg und Verleger Christian Friedrich Schwan ab. Er sieht keinen Heller von dem Gewinn, den es abwirft. Muss sogar die zweite Auflage des Stückes selbst kaufen, um daran weiter arbeiten zu können. Weder von Dalberg noch Schwan empfinden darin ein Unrecht gegenüber Schiller.

Empört entscheidet er sich daraufhin, Mannheim zu verlassen – dort hält ihn nichts mehr. „Menschen, Verhältnisse, Erdreich und Himmel“ sind ihm zuwider. Er hat „keine Seele [bei sich], die die Leere [s]eines Herzens füllte“, empfindet die Stadt als Gefängnis. Die äußeren Belastungen, emotional und finanziell, hemmen seine Kreativität. „[S]eine poetische Ader stockt“. Schiller sieht nur eine Lösung: Er muss sich nach Leipzig, in die Gesellschaft seiner geschätzten Freunde, begeben. Mit Körners Hilfe kann er im April 1785 schließlich in die sächsische Stadt ziehen. Eine der glücklichsten Zeiten seines Lebens beginnt.

Leipzig – Tochter aus Elysium?

Als Schiller in Leipzig eintrifft, ist Körner nicht zugegen. Trotz dessen kümmert er sich darum, dem jungen Dichter eine möglichst sorgenfreie Existenz zu ermöglichen, verschafft ihm eine Unterkunft, sorgt für Schillers Lebenshaltung. Eine großzügige Geste, kennen sich beide doch nur durch ihre briefliche Korrespondenz.

Mit Körners Hilfe kann Schiller einen Teil seiner Schulden begleichen. Die Last auf seinen Schultern wird kleiner. In seinem Kopf: Mehr Raum für das Schreiben, freie Entfaltung seiner dichterischen „Musen“. Dies schlägt sich in der hohen Schaffenskraft Schillers während des Sommers in Gohlis nieder. Er beendet die Arbeit am Don Carlos. Heitere, humorvolle Gelegenheitsdichtungen sind Ausdruck seines Frohsinns. Und inspiriert von der gemeinsamen Zeit mit Huber und den Stock-Schwestern entsteht Schillers Ode an die Freude – ein Loblied auf die Freundschaft, das kaum deutlicher zeigen könnte, welchen Stellenwert die innere Verbundenheit zu einigen wenigen Menschen in seinem Leben einnimmt und wie beschwingt er in der Gesellschaft dieser engen Freunde ist.

„[D]enn Ruhm und Bewunderung und die ganze übrige Begleitung der Schriftstellerei wägen auch nicht einen Moment auf, den Freundschaft und Liebe bereiten.“

Schiller genießt die Zeit in Leipzig. Und auch geschäftlich zeichnet sich ein Fortkommen ab. So lernt er seinen ersten Verleger Georg Joachim Göschen kennen, mit dem er sich das Quartier teilt. Eine mehrjährige Zusammenarbeit entsteht – eine weitere Erleichterung für Schiller.

Nachdem der Dichter einige Zeit bei Körner in Dresden verbringt, zieht es ihn 1787 nach Weimar. Trotz der räumlichen Distanz lebt die Freundschaft der beiden fort, anfänglicher Enthusiasmus wird zu beständigem Austausch. Und zu einem wichtigen Anker in Schillers Leben – zu einer Art Rettung des „Schiffbrüchigen“.

Sieben Jahre später begründen Schiller und Johann Wolfgang von Goethe ihre freundschaftliche Beziehung. Obwohl Körner sich im Klaren ist, dass diese ihn zurücksetzen könnte, befördert er sie, schreibt an Schiller: „Dass Du und Goethe euch einander genähert habt, macht mir wahre Freude.“ Vielleicht auch, weil er seinen Platz als Kritiker ihrer Werke findet. Besonders Schiller schätzt Körners Bewertung. Ebenso den geistigen Austausch und die anregenden Gespräche, die die Freunde führen (Körner ermutigt Schiller unter anderem dazu, Kants Philosophie zu studieren).

Wenn auch von unterschiedlicher Intensität – der Kontakt zwischen Körner und Schiller währt beständig zwei Jahrzehnte lang. Erst Schillers Tod lässt ihre starken freundschaftlichen Bande abrupt reißen. Nur vier Tage, nachdem sich Körner noch „beruhigt über [Schillers] Gesundheit“ zeigt, stirbt der Dichter.

Die Nachricht von Schillers Tod erreicht Körner zu spät, um an seiner Beerdigung teilzuhaben. Zu spät, um von seinem langjährigen Gefährten Abschied nehmen zu können. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine außergewöhnliche Freundschaft mit einem mehr als außergewöhnlichen Menschen. Und die Gewissheit, ihm ein wahrhaftiger Freund gewesen zu sein.

Viviann Taute


Literatur

Berghahn, K. L. (2005). Enthusiasmus der Freundschaft. Schiller und Körner. In: Monatshefte. University of Wisconsin-Madison, Vol. 97, No. 3. 7.

Damm, S. (2004). Das Leben des Friedrich Schiller – Eine Wanderung. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag.

Füssel, S. (2005). Schiller und seine Verleger. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag.

Nationale Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen Deutschen Literatur (1986). Schillers Briefe in zwei Bänden. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag.

 

< Türchen 1                     Türchen 3 >