19 – Gestatten, Gottfried Benn, Selbstgratulant

Gottfried Benn und sein Verleger Max Niedermeyer

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diese Briefe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Benns ehemalige Geliebte, Else Lasker Schüler. Diese und viele weitere tolle Buchstützen zu Literaten, Künstlern und Musikern gibt es auf www.buchstuetzen.de zu entdecken. Foto: © Bernhard Siller

 

Stammen diese Briefe tatsächlich von Gottfried „haun-dir-mit-der-Nudelhacke-den-alten-Zeugeschwengel-lahm” Benn?  So heiter hat man den Wahlberliner selten erlebt.

Aber wer Gottfried „Kleine-Aster” Benn kennt, der weiß auch, dass selten das drin ist, was draufsteht oder man das bekommt, was man erwartet. Es gelingt Benn immer wieder, den Leser zu überraschen, im vorliegenden Falle sogar ausnahmsweise ohne ihn zu traumatisieren. Illustriert wird eine umfangreiche, intensive, absolut freundschaftliche, stets immens respekt- und vor allem vertrauensvolle Autor-Verleger-Beziehung zu Max Niedermayer, dem Kopf des Limes-Verlages.

Benn, nach dem zweiten Weltkrieg Schmähungen von allen Seiten ausgesetzt und entsprechend unentschlossen, auf die literarische Bühne zurück zu kehren, fand in dem jungen, als Verleger noch unerfahrenen Sport- und Literaturfan ein Rettungsboot in trüb umtoster See, ganz nach dem theatralischen Geschmack des Expressionisten. Zwar bemühten sich auch andere Verlage um seine Gunst, doch deren Interesse war flüchtig, ähnlich dem Benns am Großteil  seiner Liebschaften (und das waren wirklich, wirklich viele) und riss für gewöhnlich schnell ab (wer weiß, wie er sich diesmal am anderen Ende auf Empfängerseite fühlte). Es scheint, als wirkte der Arbeitsaufwand, den die Aufarbeitung von Person und Werk Gottfried Benn mit sich brachte, auf Verleger letztendlich doch abschreckend.

Und dann kam Max Niedermayer. Furchtlos und jung bot er sich dem Autor hingebungsvoll als Verleger an, alle Gefahren, finanziell und reputationstechnisch, in den Wind schießend. Es muss etwas Besonderes zwischen den beiden gewesen sein, das Benn 1948 bewog, sein Werk einem bis dahin nahezu unbekannten Verleger anzuvertrauen. Die Tatsache, dass Benn bereits einen Monat nach Kontaktaufnahme in seiner abschließenden Grußformel seinen Doktortitel weglässt und anschließend die Korrespondenzen mit Variationen von „Ihr Ihnen dankbar ergebener Benn” abschließt, welche Niedermayer in ähnlichem Ton erwidert, zeugt von großer Sympathie zwischen den beiden und vom Wunsch, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Als Geschäftspartner und vor allem als „bibliophile” Freunde. So entpuppt sich Gottfried „Syphilisquadrille” Benn als heiterer, aufmerksamer Freund, der seinem Verleger „Bücherchen” zu dessen Geburtstag schickt.

Die Korrespondenz stellt anschaulich Benns Lebensthema, das Doppelleben, dar. Sie zeigt zugleich perfektionistischen Autor und kooperativen, engagierten sowie gentlemanhaften Verlagsmitstreiter.  Erstaunlich, wie diese zweite, sehr private Seite Benns deutlich wird und mit welcher Offenheit er seine Dankbarkeit, ja Unterwürfigkeit, zum Ausdruck bringt. Vielleicht aus Angst, fallen gelassen zu werden. In jedem Falle wird erkennbar, dass Autor und Verleger sich gegenseitig aufs Äußerste schätzen. Dieser Umstand stellt letztendlich die Basis einer zu jeder Zeit harmonischen Zusammenarbeit. Max Niedermayer lernte also auch den privaten Gottfried kennen. Den Stubenhocker, der keine Bäume, aber Blumen mag, der zwar mal ein Bier „zischt“, für den aber eigentlich nur Veuve Clicquot das Wahre ist, der Berlin und seine Bozener Straße 20 liebt, der von sich selbst gerne in dritter Person spricht (wenn es um sein Werk und somit den Autor G. B. geht), der esoterisch veranlagt („Sie sind Steinbock, Herr Niedermayer!“), ein notorischer Schürzenjäger und ziemlich depri ist. Niedermayer stellt Benn seine bessere Hälfte vor und andersherum lernt auch der Verleger die dritte und letzte Ehefrau  des Lyrikers kennen (welche in Benns Umständen wohl eher als „platonische Dame zur Erledigung von Alltags- und Verwaltungsaufgaben“ zu bezeichnen wäre). Im Brief bittet Benn seinen Verleger, das dem selbstgratulierenden Geburtstagsbriefchen beigefügten Bücherchen bloß nicht der Madame Niedermayer zu zeigen und es möglichst „secret” zu behandeln. Verlautete darin wieder etwas à la „Ich aber, wie gesagt, bin für Seitensprünge.” oder  „Eine Frau ist nur etwas für eine Nacht, wenn es schön war, noch für die Nächste.”? Dem Verleger scheint ein ziemlich gutes Bild vom passionierten Lustmolch Benn gezeichnet worden zu sein, der eine Dame nach der anderen verschlang, um seine Unzufriedenheit mit dem Leben zu kompensieren und den nächsten Depressionsschub im Schoß eines weiteren „Bubikopf[s] […] [mit] Rouge auf den Wangen” bereits im Keim zu ersticken versucht. Diese Jagd nach Fräuleins blieb das Einzige, was Benn vom samstäglichen Telefonat mit Niedermayer abzuhalten vermochte.

Das fortschreitende Alter, dem Benn mit Grauen entgegensah, war ihm bei seiner selbstverordneten Therapie stets ein Dorn im Auge, wie er auch seinem Verleger bei jeder Gelegenheit mitteilte. Nicht unverständlich bedenkt man, wie Benn von Anfang an Verfall, Fäulnis und vor allem Endlichkeit des menschlichen Lebens äußerst explizit ausgemalt hatte. Er wusste genau, was auf ihn zukam und fürchtete sich sicherlich in Bälde nichts weiter als ein „Klumpen Fett und faule Säfte” zu sein.

Vom Motto: „Wahre Freunde sind die, die dein wahres Gesicht gesehen haben und dich trotzdem mögen“ profitierte also auch Benn. Kaum ein Wunder, dass der geächtete Expressionist so an seinem Verleger hing, immerhin schaffte er in Zusammenarbeit mit dem Limes-Verlag nicht nur sein fulminantes Comeback, sondern schuf auch eine Verbundenheit und ein Vertrauensverhältnis weit über den Tod hinaus. Benns Testament ziert der klare Beweis: „Alle meine Sachen sollen bei Limes bleiben.“ Und auch Limes vergisst seinen Mitstreiter nicht. Das dreißigjährige Verlagsjubiläum leiteten die Worte ein: „Von Limes reden heißt auch von Gottfried Benn reden. Und von Benn reden heißt auch von Limes reden. Denn die Wirkungsgeschichte von Gottfried Benn […] ist eng verknüpft mit der verlegerischen Initiative eines Mannes […] mit dem Namen Max Niedermayer.”

Anna Fährmann


Benn, G. (1992). Gedichte (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8480), Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH.

Benn, G., Niedermayer, M., Hof, H. & Schlüter M. V. (Hrsg.) (2006). Gottfried Benn Briefe Band 8. Briefe an den Limes-Verlag 1948-1956, Stuttgart: Klett-Cotta Verlag.

 

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