18 – Erzählung zur Weihnachtszeit

Heinrich Böll und sein Verleger Johann Caspar Witsch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heinrich Böll. Diese und viele weitere tolle Buchstützen zu Literaten, Künstlern und Musikern gibt es auf www.buchstuetzen.de zu entdecken. Foto: © Bernhard Siller

 

Bis zu seinem literarischen Durchbruch schlug Heinrich Böll sich mit Gelegenheitsjobs am Rande der Armutsgrenze durch, um seine Frau und seine drei Söhne ernähren zu können. Und obwohl er schon seit Ende des Zweiten Weltkrieges wie ein Manischer schrieb, um seine Kriegserfahrungen zu verarbeiten, war er wie so viele Autoren häufig pleite. Böll war schon Mitte 30, als ihn erstmals die Einladung zur Gruppe 47 erreichte, ein Zusammenschluss von Literaten, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, talentierte Autoren mit iherer Preisverleihung zu unterstützen und ihnen so zu helfen, bundesweite Bekanntheit zu erlangen. Als Böll 1951 zur Tagung der Gruppe 47 in Bad Dürkheim erschien, wurde er zunächst gar nicht als geladener Gast wahrgenommen. So beschrieb der Literaturkritiker Joachim Kaiser die Sicht des Gründers Hans Werner Richter: „Er sah den Böll und kannte ihn natürlich nicht, und der suchte da so rum, und der dachte dann nanu, das scheint ja hier ein Handwerker zu sein, der sah so aus wie ein Elektriker, der was reparieren will“. Dass Böll knapp 20 Jahre später der Nobelpreis für Literatur verliehen werden sollte, war also noch fernab von jeder Vorstellung.

Im selben Jahr erhielt Heinrich Böll dann für seine satirische Erzählung „Die schwarzen Schafe“ den Preis der Gruppe 47 und schaffte schon bald den literarischen Durchbruch. Kurz darauf wechselte Böll zum Verlag Kiepenheuer und Witsch und die dort gefundene Freundschaft zu seinem Verleger Johann Caspar Witsch sollte ihn lebenslang begleiten.

Als die Gruppe 47 zur Winterzeit am Anfang des Novembers 1952 zusammenkam, las Böll seine Satire „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ vor, die kurz darauf herausgegeben und noch im selben Jahr für den Hörfunk vertont wurde.

In der Erzählung setzt sich der Ich-Erzähler damit auseinander, ob das Verrücktwerden eines Familienmitglieds aushaltbar ist und wie dies den Zusammenhalt einer Familie beeinflusst. Kann das alltägliche Zelebrieren des Weihnachtsfestes zu einem Familienzerfall führen? Im Beispiel dieser Geschichte ist das durchaus so. Nachdem die Tante Milla des Erzählers nach dem Krieg endlich wieder ganz klassisch Weihnachten feiern kann, schafft sie es nach der Weihnachtszeit einfach nicht, sich von ihrem Weihnachtsbaum zu trennen und verfällt in tagelanges Schreien. Als selbst Ärzte ratlos bleiben, findet ihr Gatte endlich eine Lösung. „Die Tannenbaumtherapie dieses herzensguten Menschen hatte die Situation gerettet.“ Dabei ist Tante Milla die Einzige, die unbeschadet aus diesem Prozess des jahrelangen, täglichen Feierns des Weihnachtsfestes hervorgeht. Die Familie zerfällt langsam: Nach den ersten Monaten lassen sich einzelne Familienmitglieder durch Schauspieler ersetzen und das ständige Aufrechterhalten der weihnachtlichen Fassade wird für ihren Ehemann kostspielig. Es kommt zu Seitensprüngen, Auswanderungen, Tobsuchtsanfällen, Konversionen zum Kommunismus und schon bald kann niemand mehr die weihnachtlichen Speisen ertragen; so setzt der Arzt der Cousine Lucie durch, dass „für sie ein Glas Gurken und ein Teller mit kräftigen Butterbroten bereitgehalten wird, da sich ihr Spekulatiustrauma als unheilbar erwies.“

Seitens der katholischen Kirche wurde Bölls Werk besonders harsch kritisiert, immerhin stellt er die ausgebliebene Verarbeitung der NS-Zeit im Katholizismus in den Mittelpunkt. In Literaturkreisen jedoch wurde seine kulturelle Gesellschaftskritik und der „groteske dichterische Einfall“ äußerst positiv aufgenommen. Auch im weiteren Verlauf seiner Karriere stand Böll der katholischen Kirche kritisch gegenüber und sein soziales und politisches Engagement wuchsen fortlaufend; der Name Heinrich Böll war schließlich nicht mehr nur in Literaturkreisen bekannt, sondern in allen deutschen Zeitungen zu lesen.

Trotz seines aufregenden öffentlichen Werdegangs blieb die Beziehung zu seinem Verlag Kiepenheuer und Witsch relativ unspektakulär. Er blieb dem Verlag sein Leben lang treu und auch bis zu dessen Tod pflegte er mit Joseph Caspar Witsch, von Böll auch liebevoll „Jupp“ genannt, ein enges freundschaftliches Verhältnis. Als Witsch, fünfzehn Jahre nachdem Böll vom Verlag übernommen wurde, starb, schrieb dieser in dessen Nachruf, dass das Verhältnis der beiden Rheinländer vor allem von Streitdiskussionen, gutem Essen und gelegentlichen Kognakgelagen geprägt war. Ihr geteiltes Schicksal finden Verleger und Autor im Schutt des 2009 eingestürzten Kölner Stadtarchivs, das ihren Briefwechsel aufbewahrte. Die Restaurierung der gesamten Dokumente wird voraussichtlich noch weitere 20 Jahre in Anspruch nehmen und so muss sich die Nachwelt noch gedulden, bis die Briefe aus den letzten gemeinsamen Abgründen wieder einsehbar werden.


Literatur:

Böttiger, H. (21.10.2017). Das Wirtschaftswunder der Literatur, in Deutschlandfunk. Abgerufen unter: https://www.deutschlandfunk.de/eine-lange-nacht-ueber-die-gruppe-47-das-wirtschaftswunder.704.de.html?dram:article_id=395666.

Böll, H. (1992). Nicht nur zur Weihnachtszeit- Erzählungen, S.57, Deutscher Taschenbuch Verlag.

Böll, H. (1992). Nicht nur zur Weihnachtszeit- Erzählungen, S.67, Deutscher Taschenbuch Verlag.

Sowinski, B. und Schneidewind, E. (1988). Heinrich Böll – Satirische Erzählungen, Oldenbourg Wissenschaftsverlag. Abgerufen von https://de.wikipedia.org/wiki/Nicht_nur_zur_Weihnachtszeit#cite_note-8.

Böll, H. (1967). Joseph Caspar Witsch. Die Zeit. Abgerufen von https://www.zeit.de/1967/18/joseph-caspar-witsch.

Feld, C. (2018): Kölns Narbe und die Schuldfrage. Tagesschau. Abgerufen von https://www.tagesschau.de/inland/koeln-stadtarchiv-strafprozess-101.html.

 

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