17 – Totentanz zu Basel

Mitte des 15. Jh. entstand an der Innenseite der Friedhofsmauer des Dominikaner-Klosters in Basel eine makabre Malerei: Verschiedensten Figuren der Zeit (vom Kaiser über Koch, Arzt und Kaufmann bis zum Bettler) wird ein Skelett an die Seite gestellt, das den Tod verkörpern soll. Nicht zu trennen ist diese Szenerie von der Erfahrung der Pest im Mittelalter. Als vergänglich zeigten sich  dann auch die Farben des ‚Totentanz zu Basel‘ genannten Werks. Mehrmals wird es übermalt, zu den kleinen Reimen, die im Original die Opfer sprechen lassen, werden Zeilen des Todes gestellt und teils wird sogar etwas Neues hinzugefügt – etwa das Motiv des Malers.

Als ein solcher interessierte sich auch HAP (Helmut Andreas Paul) Grieshaber, v.a. für seine Holzschnitte bekannt, für den ‚Totentanz‘. Als er 1965 Basel besuchte, um einen Vortrag zu halten, bekam er zum Dank ein Buch über die Malerei geschenkt. Auch wenn die Mauer 1805 abgetragen wurde – die Motive faszinierten Bürger und Künstler von Beginn an und so blieben sie ein Thema in späteren Erzählungen und Arbeiten. Nun war also Grieshaber vom schaurigen Geist des Werks eingenommen und schrieb Rudolf Mayer, dem Leitenden Lektor für Reproduktion im Dresdner Verlag der Kunst, sogleich von der Idee einer eigenen Umsetzung. Dieser strebte mit dem Westkünstler schon länger eine Zusammenarbeit an, war aber etwas verwirrt:

„An einen Totentanz hatte ich nicht gedacht, und ich wußte zunächst auch nicht so recht, was ich dazu sagen sollte. Eine solch makabre Geschichte empfahl sich wohl kaum für die Taktik, mit der ein bisher hier noch nicht publizierter Künstler mit einiger Aussicht auf Erfolg vorgestellt werden konnte.“

Alfred Kapr, Professor der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), ging es da ähnlich. Doch die drei kannten sich aus gemeinsamen Zeiten in Stuttgart und vertrauten sich. So gab man Grieshaber, der auf einem Berg bei Reutlingen lebte, freie Hand – für einen DDR-Verlag eine eher ungewöhnliche Vorgehensweise.

Bei einem Besuch von Kapr und Mayer auf der Alm schlug Grieshaber vor, die deutschen Verse als großen Holzdruck zu setzen:

„Natürlich war es großartig, und natürlich war es allerdings eine fast wahnwitzige Kühnheit von uns, als wir im Feuer des Augenblicks ‚das machen wir‘ sagten. Achtzig Verse in Holz schneiden?“

Hier wird zum ersten Mal klar, was für ein Ausmaß dieses Projekt annehmen sollte. Kapr aber hatte direkt eine Idee: Er will seine HGB-Studenten mit einbeziehen.

Grieshaber selbst begann – sicher nicht zufällig – am 24. Dezember 1965 mit seinen Tanzpaaren. Dabei arbeitet er die Motive von hinten nach vorne ab und begann so symbolisch mit dem Maler-Motiv, das als erstes in Dresden eintraf. Beim Verlag war man überrascht, zeigte sich aber noch viel verdutzter darüber, wie Grieshaber sich die Handabzüge der Bilder vorstellte: Man solle eine Presse besorgen und an einen geeigneten Ort bringen – einem Altersheim. Dort würde man sich sicher freuen zu drucken und sich nützlich zu machen. Hier wurde es dann doch zu makaber, und die Abzüge entstanden letztlich mit einer Handpresse in der HGB. Grieshaber bestand aber darauf, seinen Mitarbeiter für die Aufgabe nach Dresden zu schicken. So schauten die renommierten Fachleute der Hochschule dabei zu, wie ein mecklenburgischer Landwirt ohne große Ahnung von Kunst in die Druckerhalle marschiert und in einer noch nie erlebten Kombination aus Sicherheit und Tempo perfekte Abzüge herstellt – ohne Fehldruck und von ausgezeichneter Qualität.

Doch das Projekt wurde immer komplizierter. Man konnte nicht auf den Abschluss der 40 Motive warten, sondern musste immer sofort drucken – erst mit rustikalem Handdruck, dann mit den Maschinen. Die Farben mussten vorrätig sein, was mehr als schwierig war und in gewagten Farbmisch-Experimenten endete. Ein weiteres Hindernis war das Papier. Die HGB-Druckerei erklärte sich zwar bereit für das Projekt, hatte aber kein Kontingent. Hier kam Horst Schuster, Künstlerischer und Technischer Leiter des Verlags der Kunst, ins Spiel. Ihm wurde bekannt, dass die Papierfabrik Penig im Rahmen kontingentfreier Produktionsanteile Löschpapiere herstellen konnte. Also bestellte er einfach eine komplette Jahresproduktion (3 Tonnen), fuhr mit einigen Handabzügen als Anschauung zur Fabrik und besprach in der Nachtschicht mit dem Papiermacher die richtige Handhabung. Das griffige Papier sollte später von der Presse besonders gelobt werden.

Doch es ergaben sich noch weitere, unerwartete Hindernisse. Mayer berichtet:

„Ziemlich grotesk war ein Vorkommen, hinter dem manche noch lange Zeit einen gezielten Anschlag vermuteten: Über dem Drucksaal befanden sich im 1. Stock die Toiletten der Schule. Dort verstopfte eines abends ein Unbekannter den Abfluß eines Beckens sehr sorgfältig mit Staniol und drehte den Hahn auf volle Kraft. Als am anderen Morgen die Drucker kamen, träufelte das Wasser in Fäden auf die Stapel bedruckten und unbedruckten Totentanz-Papiers, die genau darunterlagen. Glücklicherweise waren sie nur ganz oben verdorben. Manche sahen fortan in dem Buch, das die Hochschule schon etwas zu terrorisieren begann, eine hochbrisante Angelegenheit, die gewiß nichts Gutes stiftet.“

Trotz der Widrigkeiten erschien das Buch rechtzeitig. Grieshaber selbst war die Konstante – er lieferte regelmäßig pünktlich und war im Juni 1966 fertig. Die HGB sorgte für Holzschnitte, Druck und Satz; den Druck der Texte und die Buchbindung übernahmen zwei Leipziger Firmen; für die Typographie war das Institut für Buchgestaltung in Leipzig verantwortlich. So konnte das Buch mit den 40 Tanzpaaren und den dazugehörigen Reimen (auch mit den englischen und französischen Übersetzungen aus dem 19. Jh.) in einer sich zufällig ergebenden Auflage von 3333 Exemplaren erscheinen und schon im Juli auf Ausstellungen in Leipzig und Essen wie später auf den Messen in Leipzig und Frankfurt vorgestellt werden. Das Buch wurde von Presse und Buchhandel „gefeiert“, schreibt der Verlag später in den Jahresbericht, die Nachfrage sei riesig gewesen.

Doch die Episode mit dem ‚Anschlag‘ deutet darauf, dass die DDR gegen solcherlei Projekte nicht nur planwirtschaftliche Widrigkeiten aufbot, sondern auch die Waffen der Kulturpolitik in Anschlag brachen. Munition lieferte bereits Otto Grotewohl in seiner richtungsweisenden Rede zur Eröffnung der Staatlichen Kunstkommission 1951:

„Die Idee der Kunst muß der Marschrichtung des politischen Kampfes folgen. […] Was sich in der Politik als richtig erweist, ist es auch unbedingt in der Kunst.“

Und da gibt es eigentlich keine Totengräber-, sondern verordnete Aufbruchsstimmung. Daher gibt man sich bei der Abteilung Belletristik, Kunst- und Musikliteratur des Ministeriums für Kultur auch eher zurückhaltend:

„So verdienstvoll und erfolgreich die Herausgabe des HAP Grieshaber ‚Totentanz von Basel‘ auch sein mag (einem bisher nur abstrakt schaffenden westdeutschen Künstler die Möglichkeit zu geben, eine realistische Aussage zu realisieren), so scheint dies von Seiten des Verlages doch überbewertet zu werden.“

Grotewohl verkündete bei erwähnter Rede weiter:

„Die Kunst erzieht die Menschen, indem sie in bestimmte Ideen des Lebens einführt und propagiert, indem sie sich auf eine bestimmte Seite stellt.“

Und diese Seite ist natürlich östlich der Mauer. So hat man noch ein weiteres Problem: Wenn man doch so eng mit der HGB Leipzig zusammenarbeitet, stellt sich die Frage, inwieweit dies vom Verlag dazu genutzt werde, um Arbeiten zur DDR-Gegenwartskunst zur Gestaltung anzubieten, „um die Studierenden im Sinne unserer Kulturpolitik zur Aktivität anzuspornen“ usw.

Es war einer der vielen Probleme des Verlags in dieser Zeit, der sich vielfach nicht an die dogmatischen Parteivorgaben halten wollte. Dies sollte mit strukturellen und teils auch personellen Änderungen in der Folgezeit enden. Ein erneutes Projekt mit Grieshaber wird 1969 abgelehnt.
Aber gegen den ‚Totentanz‘ konnte man nicht mehr vorgehen, er war in der Welt. „Auf eine solch vertrackte Weise hatten wir noch nie ein Buch produziert“, bilanziert Mayer. Es war das Ergebnis einer erstaunlichen Kollektivleistung gegen sämtliche Widerstände materieller, zeitlicher und kulturpolitischer Art. Und auch für Grieshaber war die Arbeit hart. Der Tod ist ein wiederkehrendes Element seiner Arbeit, aber hier hatte er besonders zu kämpfen. In einem Brief im Frühjahr 1966 schrieb er an Mayer: „Es wird immer schwerer, jede Woche einen Tod zu überwinden.“
Aber er musste es tun; es war ihm zu wichtig, erklärt Mayer: Mit seinen zahlreichen Figuren ist es das größte künstlerische Vorhaben seines Lebens: Für ihn ja auch ein Wettlauf mit dem Tode.“

So wie dieser im ‚Totentanz‘ inszeniert wird, deutet er auf Egalität: ob nun Kaiserin oder Bettler, Kaufmann oder Bauer – irgendwann sind alle dran. Doch wirken die Szenen gerade bei Grieshaber zu feierlich für einen Abgesang: Weniger holt ‚der Tod‘ hier seine Opfer, als sie von scheinbar beliebigen Exemplaren aus dem Totenreich zum Tanz verführt werden. Aber dies geschieht plötzlich, als Einbruch kommt es über die Figuren herein: Der Koch schwingt noch das Messer, der Kaiser ist noch dekadent gekleidet – und der Maler hält noch Pinsel und Palette in der Hand. Die Leinwand steht dort unbefleckt, das Weiß der Fläche hebt sich ab vom farbigen Grund der Drucke. Das Unabgeschlossene, Kahle wirkt viel eher als Totes, denn das musizierende Skelett – ein Totes, das Grieshaber immer wieder aufs Neue zu beleben bestrebt war. Das gelang ihm diesmal in besonderer Weise: Der ‚Totentanz‘, so Wilhelm Boeck im Nachwort des Buchs, ist eine „Folge von gedruckten Bildern, die am ernsten Thema die Farbigkeit seines Universums aufblühen lassen“.

Der Tod

Maler laß das Mahlen stohn,
Wirff Bensel hin du muest darvon,
Hast du schon grewlich gmachet mein Leib,
Tantz hehr muest mir jetz werden gleich.

 Der Maler

Ich hab gemaltt dem Todtentantz
Mueß auch in Spil sonst werß nit gantz.
Jetz ist das mein verdienter Lohn.
Kompt all hernach ich mueß darvon.


Text: Christopher Wand
Bilder: Ingmar Stange

 

Quellen:

Grieshaber, H. A. P., 1966: Totentanz von Basel. VEB Verlag der Kunst.
Grotewohl, O., 1952: Deutsche Kulturpolitik: Reden. VEB Verlag der Kunst.
Pfäfflin, F., 2001: Zwischen den Seiten. Rudolf Mayer. Verleger, Künstlerfreund und Autor. Verlag der Kunst.
Schuster, H., 2000: Buch und Akzidenz. o. V.

Jahresbericht über die Verlagsarbeit 1966, Verlag der Kunst, BArch, DR 1/21386.
Einschätzung zum Jahresbericht des Verlages der Kunst (1966), Abt. Belletristik, Kunst- und Musikliteratur, BArch, DR 1/21386