16 – Schicksalswerk Glasperlenspiel (Teil 1)

Hermann Hesse und sein Verleger Peter Suhrkamp

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diese Briefe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hermann Hesse (1). Diese und viele weitere tolle Buchstützen zu Literaten, Künstlern und Musikern gibt es auf www.buchstuetzen.de zu entdecken. Foto: © Bernhard Siller

 

Prolog

In der nordischen Mythologie gibt es Nornen, schicksalsbestimmende weibliche Wesen. Sie leben zu Füßen der Weltenesche Yggdrasil und spinnen dort das Schicksal der Sterblichen und Götter. Gemäß dieser Vorstellung liegt die Vermutung nahe, dass sich jene Schicksalsfäden beim Spinnen immer wieder verknoten müssen. Solche Knoten könnten Personen, Situationen oder Dinge, wie etwa Bücher, sein. Einen solchen Knotenpunkt stellt „Das Glasperlenspiel“ dar. Eine Verbindung, die die Geschichte des Suhrkamp Verlags geprägt hat wie keine andere…

Erste Begegnungen

Suhrkamp kam als Herausgeber der Zeitschrift „Die Neue Rundschau“ zum S. Fischer Verlag. Nach dem Tod Samuel Fischers führte er ab 1934 den Verlag gemeinsam mit dessen Sohn, Gottfried Bermann Fischer. Nur zwei Jahre später verkaufte Fischer aus Angst einer vollständigen Enteignung durch die NSDAP seine Anteile an Suhrkamp.

Als Geschäftsführer war es für Suhrkamp notwendig, Hermann Hesse als großen Schriftsteller des Verlags persönlich kennenzulernen. Es gab schon zuvor beruflichen Kontakt. Suhrkamp hatte sich dabei allerdings angemaßt, persönliche Ideen an Hesse zu senden, über die zu schreiben wäre, was dieser ihm übel nahm. „Eingeschüchtert und leicht aufsässig“ fuhr er also nach Bad Eilsen, zur ersten Begegnung mit Hermann Hesse. Sein Zug war mit großer Verspätung eingetroffen und die Notiz, die Hesse ihm hinterließ, zeugte von Ablehnung und Abweisung. Hesse habe lange gewartet, sei dann aber zu Bett gegangen. Es sollte einzig ein Mittagessen von den geplanten anderthalb Tagen der Zusammenkunft übrigbleiben. Doch als Hesse Suhrkamp am Morgen danach in dem Schreibzimmer des Hotels antraf und sich dieser vorstellte, geschah etwas Unerwartetes. Man gefiel sich.

Opferbereitschaft

1942, bevor „Das Glasperlenspiel“ vollendet war, schickte Hesse den ersten Teil des Werkes nach Berlin, der Druck sollte schon beginnen. Der zweite Teil folgte drei Monate später. Die Publikationsgenehmigung scheiterte jedoch nach siebenmonatigen Verhandlungen mit dem Reichministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Auch der Versuch einer Streichung der „besonders deutlichen Stellen“, wie Hesse es nannte, brachte bei Vorlage des Manuskriptes keinen Erfolg. Die Verbannung nicht konformen Gedankenguts hatte nun auch Hermann Hesse getroffen. In Deutschland mittlerweile als persona non grata verunglimpft, lebte er im schweizerischen Exil. Sein Hauptwerk, das ihn elf Jahre seines Lebens gekostet hatte, durfte in seinem Heimatland nicht veröffentlicht werden.

So schwierig dies für Hesse auch war, Suhrkamps Verlust war weit höher. Nun endgültig unter Generalverdacht gestellt, wurde ein Herr Dr. Reckzeh in die Verlagsanstalt eingeschleust. Die Nicht-Anzeige dieses Lockspitzels, die Gutmütigkeit Suhrkamps, war der gefundene Grund für seine Verhaftung. Nach der Vernehmung durch die Gestapo folgte die Verlegung ins KZ Sachsenhausen. Allen Widrigkeiten zum Trotz überstand Suhrkamp die folgenden Monate, bis ihm wegen Kontroversen in der Anklageschrift ein Entlassungsschein ausgestellt wurde. Halb tot lieferte man den Verleger kurz darauf ins Städtische Krankenhaus Potsdam ein. Allein eine glückliche Fügung sorgte dafür, dass Suhrkamp überlebte.

Die Ursache all dieses Leids lag im Versuch der Veröffentlichung des „Glasperlenspiels“. Die Dankbarkeit Hesses und das Vertrauen in Suhrkamp festigten sich und hielten bis zu ihrem Tode an.

Briefwechsel

In den ersten Nachkriegsbriefen spürt man die Müdigkeit, die Suhrkamp umgibt. „Das alles deprimiert mich zutiefst. […] Aber dürfen wir aufgeben?“, schreibt er. Wenn hier auch etwas aus dem Kontext gerissen, wäre eine bessere Beschreibung seines damaligen geistigen und körperlichen Zustandes kaum möglich. Doch es gab Themen, die seinen sichtlich geschwächten Lebenswillen aufrechterhielten. Er schreibt von der wiedererlangten Verlagslizenz und den Plänen der ersten Veröffentlichungen. „Das Glasperlenspiel“ gehörte zu den ersten fünf geplanten Büchern. Es sollte, nachdem es nur in kleiner Stückzahl in der Schweiz erschienen war, nun endlich in großen Auflagen auch in Deutschland erhältlich sein.

Suhrkamp hatte nach dem Krieg schnell die erste Verlagslizenz im britischen Sektor Berlins wiedererlangt. Seine Zeit als KZ-Häftling bewies in den Augen der Besatzer seine Integrität für die Demokratie und den Kampf gegen die Nationalsozialisten und beschleunigte so die Entscheidung Besatzungsmacht.

Im vorliegenden Brief vom 13. November 1945 wurden die vier zentralen Themen angesprochen, welche die Korrespondenz der folgenden Jahre zwischen Autor und Verleger prägen sollten. Das gegenseitige Mitteilen des gesundheitlichen Zustands, der Austausch persönlicher Erfahrungen, die verlegerische Arbeit sowie tägliche Information über das jeweilige Leben. Hinsichtlich der verlegerischen Arbeit dominierte zwischen 1949 und 1950 das Thema der Trennung vom S. Fischer Verlag.

Denn das aus Suhrkamps Sicht unzumutbare Angebot von Bermann Fischer machte eine Rückgabe des Verlages nach Kriegsende unmöglich. Darin konnte er auf Hesses Unterstützung zählen, moralisch wie ökonomisch. Jener forderte Suhrkamp immer wieder auf, den Verlag zu behalten. Schlussendlich kam es zu einem Vergleich. Suhrkamp gründete seinen eigenen Verlag, wobei er von Hesse und dessen eigenen finanziellen Mitteln sowie durch von ihm organisierte Sponsoren unterstützt wurde. Die im Verlag vertraglich beschäftigten Autoren durften wählen. 33 gingen zu Suhrkamp, 15 blieben bei Fischer.

Jahre später hatte sich der Suhrkamp Verlag einen repräsentativen Namen aufgebaut. Einen großen Anteil daran hatten die 33 beim Verlag verbliebenen Schriftsteller, zu denen u.a. Bertolt Brecht, Max Frisch oder T. S. Eliot gehörten. Vor allem aber einer: Hermann Hesse.

Manuel Lechthaler


Literatur:

Decker, G. (2012). Hesse – der Wanderer und sein Schatten. Biographie, München: Carl Hanser Verlag.

Suhrkamp, P. (1987). Erste Begegnung mit Hermann Hesse. In M. Volker (Hrsg.), Hermann Hesse in Augenzeugenberichten (S. 206-212), Frankfurt: Suhrkamp Verlag.

Unseld, S. (1969). Hermann Hesse – Peter Suhrkamp Briefwechsel 1945-1959, Frankfurt: Suhrkamp Verlag.

Unseld, S. (1975). Begegnungen mit Hermann Hesse, Frankfurt: Suhrkamp Verlag.

Unseld, S. (1991). Peter Suhrkamp – zur Biographie eines Verlegers, Frankfurt: Suhrkamp Verlag.

 

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