15 – Die Nacht war gut, das Kind war schön

Der einflussreiche deutsche Dramatiker, Lyriker und Librettist Bertold Brecht (*1898 – †1956) war Zeit seines Lebens ein Zweifler, ein Unruhestifter, ja gar ein Aufrührer. Mit Satire und Spott beckmesserte er die bürgerlich-kapitalistische Welt der Weimarer Republik. Seine Werke sollten zur kritischen Reflexion über die gesellschaftlichen Zustände anregen. Ab 1926 beeinflusste Brechts Hinwendung zum Marxismus zunehmend sein Schaffen. Hauptkennzeichen seines Denkens waren Diesseitigkeit, Skepsis und Rationalität. Kritisch-engagiert und linksorientiert erläuterte er auf Grundlage des Marxismus gesellschaftliche Missstände. Brecht war Atheist. Seiner Meinung nach sollte der Religion kein Platz innerhalb der Gesellschaft eingeräumt werden. Diese sah er, wie die marxistische Religionskritik sie sah: „Als Seufzer der bedrängten Kreatur, als geistiges Aroma einer verkehrten Welt, als Opium für das Volk“. Brecht hatte eine unbändige Freude an der Profanierung alles Heiligen, am Leerräumen des Himmels, an Entweihung und Destruktion.

Im Dezember 1926 und mit 28 Jahren schrieb Brecht das Gedicht „Die gute Nacht“. Es wurde in keine seiner Gedichtsammlungen aufgenommen und blieb bis zu der Werkausgabe Bertolt Brecht. Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Band 13 (Aufbau/Suhrkamp) zu Beginn der 1960er Jahre unveröffentlicht.

„Die gute Nacht“ ist vielmehr ein Bericht als ein Gedicht. Aus einer eher irdisch-pragmatischen Sichtweise heraus schildert Brecht die „heiligen Geschehnisse“, welche sich am Tag vor Christi Geburt zugetragen haben, um schlussendlich mit der Niederkunft „des großen Christen“ zu enden.

 

Bertold Brecht – Die gute Nacht (1926)

Der Tag, vor dem der große Christ
zur Welt geboren worden ist,
war hart und wüst und ohne Vernunft.
Seine Eltern, ohne Unterkunft,
fürchteten sich vor seiner Geburt,
die gegen Abend erwartet wurd,
denn seine Geburt fiel in die kalte Zeit.
Aber sie verlief zur Zufriedenheit.
Der Stall, den sie doch noch gefunden hatten,
war warm und mit Moos zwischen seinen Latten,
und mit Kreide war auf die Tür gemalt,
daß der Stall bewohnt war und bezahlt.
So wurde es doch noch eine gute Nacht,
auch das Heu war wärmer, als sie gedacht.
Ochs und Esel waren dabei,
damit alles in der Ordnung sei.
Eine Krippe gab einen kleinen Tisch,
und der Hausknecht brachte heimlich einen Fisch.
(denn es mußte bei der Geburt des großen Christ
alles heimlich gehen und mit List.)
Doch der Fisch war ausgezeichnet und reichte durchaus
und Maria lachte ihren Mann wegen seiner Besorgnis aus.
Denn am Abend legte sich sogar der Wind,
und war nicht mehr so kalt, wie die Winde sonst sind.
Aber bei Nacht war er fast wie ein Föhn.
Und der Stall war warm und das Kind war sehr schön.
Und es fehlte schon fast gar nichts mehr,
da kamen auch schon die Dreikönig daher!
Maria und Joseph waren zufrieden sehr.
Sie legten sich sehr zufrieden zum Ruhn
Mehr konnte die Welt für den Christ nicht tun.


Text: Andreas Parnt
Bilder: Ingmar Stange

Gedicht: Brecht, B., 2000: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 13. Berlin: Suhrkamp.