15 – Der Fall Kubin

Alfred Kubin und sein Verleger Reinhard Piper

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diese Briefe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Mit der „Aktion wider den undeutschen Geist” und den daraufhin initiierten Bücherverbrennungen und Verfolgungen stellten die Nationalsozialisten schon im März 1933 klar, was Schriftstellern und ihren Werken drohte, die die „deutschen Werte“ gefährdeten. Auch im Bereich der Kunst wurden Arbeits-, Ausstellungs- und Ankaufsverbote erlassen, die 1936 ihren Höhepunkt in der Verschärfung des Begriffs der entarteten Kunst fanden. Nun wurde jegliche moderne Kunst unter dieser Bezeichnung zusammengefasst.

Im vorliegenden Briefwechsel fallen der Verleger Reinhard Piper und der Künstler Alfred Kubin diesen Umständen zum Opfer. Sie werden sechs Jahre brauchen, um die Hürden der Nationalsozialisten zu überwinden und den geplanten Zeichnungsband „Abenteuer einer Zeichenfeder” 1942 schließlich doch noch veröffentlichen zu können …

1936 pflegen Kubin und Piper ihre Brieffreundschaft seit über 20 Jahren und können auf einige gemeinsame Publikationen zurückblicken. Da der 60. Geburtstag des Künstlers naht, schlägt Piper im Januar vor, einen Jubiläumsband mit unveröffentlichten Federzeichnungen zu erstellen, der die „Kubin-Welt“ in ihrer Gänze erfasst. Sein deshalb geplanter Besuch bei Kubin scheitert an einer Gelenkentzündung der großen Zehe und der in Oberösterreich zurückgezogen lebende Kubin hat seinerseits keine Lust auf eine Reise zu Piper nach München. Die Frage nach der Auswahl der Zeichnungen kann schließlich per Briefverkehr gelöst werden, in welchem es dem Verleger nicht ganz gelingt, seine Verstimmtheit ob Kubins Unlust zu einer Reise nach Norden, zu verbergen. Ein widerwilliger Künstler ist zu diesem Zeitpunkt schwerlich Pipers einzige Sorge. Der Verleger befindet sich bereits mitten im Streit mit den Nationalsozialisten. Es geht um einen Zeichnungsband des expressionistischen Künstlers Ernst Barlach, der kurz nach der Veröffentlichung 1935 beschlagnahmt wurde, weil er das nationalsozialistische Kunstempfinden nicht repräsentiere. Jegliche Versuche, zu insistieren, scheitern. Aufgrund dieser schlechten Erfahrungen besteht Piper darauf, die Zeichnungen Kubins vor Veröffentlichung bei der „Abteilung für künstlerische Formgebung“ der Reichskammer der bildenden Künste zwecks Prüfung einzureichen, um später etwaige als problematisch empfundene Zeichnungen austauschen zu können. Allerdings gibt sich Piper optimistisch, da Kubin anders als Barlach bisher nicht auf der Abschussliste der Nationalsozialisten steht. Am 17. Juli 1936 erhält der Verleger von seinem Berliner Vertreter die alarmierende Nachricht, dass „Abenteuer einer Zeichenfeder” aus künstlerischen und weltanschaulichen Gründen abgelehnt werde. Noch bevor die genaue Erklärung den Verlag erreicht, bittet Piper darum, die unerwünschten Zeichnungen zu benennen und nicht den ganzen Band auf einmal zu verbieten. Dem vorliegenden Brief vom 20. Juli 1936 ist zu entnehmen, dass dieser zweite Brief, wie der Verleger frustriert andeutet, geflissentlich ignoriert wurde. Es sei natürlich „viel einfacher […], die Zeichnungen in Bausch und Bogen für bedenklich zu erklären“. Kubin folgt der drängenden Aufforderung seines Verlegers und entwirft einen Brief an den Direktor der Nationalgalerie Eberhard Hanfstaengl und den Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. Darin verweist er auf seine Rolle als Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und die Harmlosigkeit seiner Zeichnungen. Die ausdrückliche Bitte Pipers, den Brief mit einer Schreibmaschine zu verfassen, rührt daher, dass Kubin abgesehen von seiner Abneigung gegenüber Grammatik und Orthografie sowie seiner Vorliebe für wilde Unterstreichungen eine unlesbare Sauklaue pflegte, die allenfalls Piper entziffern konnte. Kubins Bittgesuche erscheinen aber bald ohnehin aussichtslos und werden vermutlich nie abgeschickt. Denn inzwischen hat die Reichsschrifttumskammer „20 Bilder zur Bibel” – eine von Kubins früheren Veröffentlichungen bei Piper, die schon zum Zeitpunkt ihres Erscheinens 1923 für viel Aufruhr sorgte – in die Liste über schädliches und unerwünschtes Schrifttum aufgenommen.

Nun steht also auch Kubin trotz Bemühungen als geächtet da und Piper resigniert: „Jedenfalls wird der ‚Fall Kubin‘ dadurch verschärft, dass man nicht nur in Zukunft, sondern auch in die Vergangenheit rückwärts Ihre Publikationen beseitigen will.“

Katharina Hoppe


Literatur:

Kubin, A., Piper, R. (2010). Briefwechsel 1907 – 1953. Hrsg. im Auftrag des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek u.a. München: Piper Verlag.

Was ist „Entartete Kunst“? (o.D.). Abgerufen von http://www.zeitklicks.de/nationalsozialismus/zeitklicks/zeit/propaganda/kunst-und-kultur-1/was-ist-entartete-kunst/. Letzter Abruf: 23.06.2018.

 

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