14 – Es hat noch nie geschadet, sich gut mit dem Chef zu verstehen

Franz Werfel und sein Verleger Kurt Wolff

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diese Briefe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Obwohl Wolff mit Werfels Meinung nicht übereinstimmt, versucht er nicht, ihn aktiv an seinem Vorhaben zu hindern. Er gibt lediglich freundschaftliche Empfehlung und das obwohl es hier um eine Angelegenheit geht, die zwei Autoren des Kurt Wolff Verlages, Franz Werfel und Karl Kraus, betrifft.

Doch wieso stellt sich Kurt Wolff eher auf die Seite von Franz Werfel? Aus übergroßer Sympathie? Findet Kurt Wolff Karl Kraus und sein ständiges Gerede über seine Zeitschrift „Die Fackel“ anstrengend und möchte sich irgendwie rächen? Oder hat er den Streit zwischen Werfel und Kraus völlig missverstanden und gedacht, dass es schon nicht so schlimm werde? Wir analysieren und sehen: Werfel hatte die älteren Rechte.

1911 veröffentlicht der 21-jährige Franz Werfel als Erstling „Der Weltfreund“ beim Axel Juncker-Verlag in Berlin, was im Literatenkreis Aufsehen erweckt. So auch bei Kurt Wolff, der stiller Teilhaber des Ernst Rowohlt Verlages in Leipzig ist.

Die Bewunderung Wolffs gegenüber Werfel wird schon von Anfang an deutlich. So sagt er in einem Vortrag: „Der junge Franz Werfel in dieser Vorkriegszeit war in meinen Augen der Poet schlechthin, unfaßbar der Gedanke, er würde je in seinem Leben etwas anderes als Gedichte schreiben. Dichter, Seher, Kind war er: blind für Wirklichkeit, linkisch, unbeholfen, ungeschickt, erfüllt von Versen und Musik… Man spürte: nicht er dichtete, es dichtete in ihm wie es in ihm auch ständig musizierte. Er segelte die Straßen entlang, Verdi-Arien singend oder summend und merkte nicht, daß die Leute sich nach ihm umdrehten, sich an die Stirn faßten.“

Er holt ihn nach Leipzig und gibt ihm, um den besorgten Vater Rudolf Werfel zu beruhigen, eine Stelle als Verlagslektor. Jemand, der als „blind für Wirklichkeit“ und „unbeholfen“ bezeichnet wird, ist eigentlich nicht der passende Lektor eines solchen Verlages. Aber mit seinen Freunden zusammenzuarbeiten ist lustiger und macht mehr Spaß, darin kann man Kurt Wolff nur zustimmen.

Kurz nach Beginn des ersten Weltkrieges werden beide Männer zum Militär eingezogen. Die Tätigkeit als Lektor muss Werfel aufgeben und er arbeitet nur noch als Autor. Wolff übergibt die Leitung seines Verlages bis zu seiner Rückkehr nach Kriegsende an Georg Heinrich Meyer. Dieser ist fleißig und definierend für eine der erfolgreichsten Epochen des Kurt Wolff Verlages.

Seine Beziehung zu Werfel ist angespannt. Dieser ist durch den Krieg „die letzte Zeit hindurch so müde und von starker Apathie geplagt, daß [er seine] ganze Arbeit unterbrechen mußte.“ Er liefert in Meyers Augen zu wenige Werke und diese auch noch unpünktlich ab.

Aber Werfels Freundschaft zum Verleger zahlt sich aus: „Sie wissen, daß es keine Phrase ist, wenn ich Ihnen sage, daß von allem dem vielen Nützlichkeiten und Unnützen, Schönen und Unschönen, was heute nach den sieben ersten Jahren (ich glaube, es waren die sieben mageren Jahren, denen die sieben fetten nun folgen sollen) der Begriff Kurt Wolff Verlag umschließt, mir Franz Werfel und sein Werk das liebste und wichtigste ist.“ Er genießt im Verlag viele Vorteile: „Anstatt der im ersten Vertrag festgelegten Rente von

M 200,- erhalten Sie monatlich M 300,-“. 1922 erfragt Werfels damals noch Freundin Alma Mahler bei Kurt Wolff die Einnahmen von Werfel. Dabei wird deutlich, dass Vorschüsse nicht zurückgezahlt werden müssen, neue, große Werke nach Auflage honoriert werden, ältere Werke Abschlagzahlungen bekommen und Werfel eine Rente erhält. Im Zeitraum von einem Jahr bekommt er somit M 114.000,-. Obwohl auch in Wien zu diesem Zeitpunkt die Inflation herrscht, weil das Durchschnittseinkommen allgemein sehr niedrig ist, lebt Werfel objektiv betrachtet recht gut.

Werfel ist bis zur Auflösung des Verlages 1929 durch Kurt Wolff dabei, als deutsche Expressionisten längst nicht mehr zum Beuteschema des Verlegers gehören, und wird dann zum Paul Zsolnay Verlag vermittelt. Alles war rosig, alles war schön?

Bis auf den Streit zwischen Werfel und Kraus. Die beiden streiten leider schlecht dokumentiert meist mündlich oder erzählen gemeine Geschichten übereinander, vielleicht eine Mischung aus gekränktem Stolz und einer Übermenge an Testosteron.

1911 druckt Kraus noch selbst drei Gedichte Werfels in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ ab und trägt zwei Gedichte von ihm in Wien vor. Später im selben Jahr treffen sie sich das erste Mal und werden Freunde, es liegt sogar an Werfel, dass Kraus zum Kurt Wolff Verlag kommt. Wie diese vielversprechend begonnene Freundschaft so schlecht enden konnte, ist nicht überliefert. Vermutlich lag es an einer Frau.

Die positiven Gefühle ändern sich schnell ins negative, und wie äußern gute Schriftsteller nun mal ihre Emotionen? Sie schreiben darüber. Im Fall von Karl Kraus geschieht dies durch polemische Texte, in denen er Werfel, den Expressionismus und die komplette junge Prager Literatur kritisiert. Einer davon war „Elysisches. Melancholie an Kurt Wolff“ mit folgender Strophe am Ende:

„Und geklagt sei es dem ewigen Gotte,
daß der Literaten heutige Rotte
ihr Elysium
findet, denn wer nur am Worte reibt sich,
wird gedruckt bei Drugulin in Leipzich.
Edler Jüngling Wolff, ich klage drum.“

 

1917 schreibt Werfel einer Freundin: „Hast Du die Fackel gelesen. Der Mann tut mir aufrichtig leid.“  Und „er ist nicht böse, er ist nur so grenzenlos auf falschem Grund gebaut“. 1920 dann der Höhepunkt des Streits und Gegenschlag Werfels. Er veröffentlicht „Spiegelmensch“, Kraus kontert mit „Aus der Sudelküche“. Schwer zu sagen, wer gewonnen hat.

Am meisten Schuld sieht Kraus allerdings bei Wolff. Dieser hätte, ohne Rücksicht auf den „Eingriff in die künstlerische Schöpfung“, das Recht und die Pflicht gehabt, „sich dagegen zu wehren, einer Beleidigung mitschuldig zu sein“. Karl Kraus verlässt daraufhin den Verlag.

Der Verleger schreibt ihm 1921: „Sie haben und hatten Recht: daß ich als Inhaber des Verlages der Schriften von Karl Kraus nicht gleichzeitig Verleger der jungen deutschen Literatur sein kann und darf. Ich habe es schmerzlich genug einsehen gelernt. In Ihren Schriften und in den Büchern des >>Verlags der Schriften<< sind naturgemäß immer wieder Angriffe auch gegen Autoren erfolgt, die dem Kurt Wolff Verlag angehören. Auf die Dauer blieb nichts übrig, als den Widerstand gegen Angriffe auf Sie aufzugeben.“

Jahrzehnte später sagt Wolff über Kraus: „Meine innere Beziehung zu ihm und seinem Werk änderte sich nie.“ Wolff bewunderte zeitlebens beide Autoren, hatte sich aber letztendlich  dem Team Werfel angeschlossen.

Tamina Porada


Literatur:

Fischer, J. (2011, 06. August). „Scheinmenschtum, in Reue wie in der Sünde“. welt.de. Zugriff am 01.09.2018. Verfügbar unter https://www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article13529546/Scheinmenschentum-in-der-Reue-wie-in-der-Suende.html.

Leubner, M. (Hrsg.). (1996). Karl Kraus‘ Literatur oder Man wird doch da sehn: Genetische Ausgabe und Kommentar. Göttingen: Wallstein-Verlag.

„Kurt Wolff – Die digitale Ausstellung“. Zugriff am 01.09.2018. Verfügbar unter  http://home.uni-leipzig.de/buchwissenschaft/kurtwolff/?page_id=103

Otten, E. & Zeller, B. (1966). Kurt Wolff Briefwechsel eines Verlegers 1911-1963. Frankfurt am Main: Verlag Heinrich Scheffler GmbH & Co.

 

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