13 – Die wir doch groß und ewig einsam sind

Hugo von Hofmannsthal und sein Verleger Anton Kippenberg

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diesen Brief.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Es ist das Jahr 1918 und Hugo von Hofmannsthal schreibt diesen Brief in einer der dunkelsten Stunden seines Lebens. Als am 11. November der Waffenstillstand das Ende des ersten Weltkrieges markiert, wird damit auch der Fall Österreich-Ungarns besiegelt und die geliebte Heimat des Dichters verschwindet in ihren Umrissen noch im gleichen Jahr von der Landkarte. Auf den Schultern Hofmannsthals lastet die Unsicherheit künftiger politischer Entwicklungen ebenso schwer wie die Gewissheit, die eigene Lebensmitte erreicht und dabei so viele Projekte noch nicht oder nur halb begonnen zu haben. Es ist der Wunsch, wieder auf die literarische Öffentlichkeit zu wirken, die den Dichter dazu bewegen, sich im Dezember 1918 an seinen Verleger zu wenden.

Er geht ohne bestimmten Anlass den Schritt auf Anton Kippenberg zu, versichert ihm seine Freundschaft und deutet zugleich an, gemeinsame Unternehmungen ähnlich denen während des ersten Weltkrieges wieder aufnehmen zu wollen. Überschattet wird diese Hoffnung jedoch von einem bereits gescheiterten Projekt der beiden in der Vergangenheit, der Herausgabe der Österreichischen Bibliothek. 1915 als ein langfristig gleichrangiges Seitenstück der Insel-Bücherei geplant, erscheinen in der Buchreihe unter anderem die Werke „Radetzky. Sein Leben und sein Wirken“, „Alpensagen“ und „Der Landsknecht“ von Fürst Friedrich zu Schwarzenberg. Ausbleibender Erfolg und geringe Verkaufszahlen führen jedoch bereits zwei Jahre später zur Einstellung des Projektes. Mit den gescheiterten Plänen um die entworfene Buchreihe wandelt sich auch das bisher so herzliche Verhältnis zwischen Autor und Verleger. Der freundschaftliche und liebevolle Briefwechsel der Vorkriegsjahre weicht einem zunehmend distanzierten, deutlich auf das Geschäftliche fokussierten Ton, der die Korrespondenz nach 1918 bestimmt.

Für Anton Kippenberg verliert Hugo von Hofmannsthal mit dem Fall Österreich-Ungarns jene repräsentative Stellung, die der Verleger als wichtige Absatzmöglichkeit für den Insel-Verlag kalkuliert hat. Hinzu kommt eine gewisse Taktlosigkeit des Publizisten, auf unsensible Art seine Hoffnung auf einen Anschluss Österreichs an Deutschland zu äußern. So schreibt er in einem Brief vom 17. Februar 1919 an den Autor:

„Meine Frau grüßt mit mir herzlich. Wir wünschen uns sehr, daß wir Sie bald einmal wieder bei uns verehren dürfen, dann wohl als Bürger des großen Deutschen Reichs.“

Hofmannsthal muss in diesem zunehmend angespannten Verhältnis häufig unter großem Zeitdruck für Kippenberg arbeiten, bekommt nicht genug Bearbeitungszeit für Projekte eingeräumt und empfindet den Aufwand seiner Arbeit als vom Verlegerpaar Kippenberg unterschätzt. In seinen letzten Lebensjahren beschäftigen Hugo von Hofmannsthal besonders seine vielen begonnen Werke, unvollendeten Projekte und zu Papier gebrachte Ideen. Schon kurz nach Kriegsende sieht der Dichter seinen Einfluss auf die Kippenbergs nur noch als gering an, auch auf die vorbehaltlose Zustimmung von Publikum und Kritikern kann er nicht mehr bauen. Und so schreibt der Dichter noch in seinem Sterbejahr Zeilen, in denen Trauer ebenso schwer mitschwingt wie die nüchterne Erkenntnis über die eigene Ratlosigkeit.

„Ich befinde mich in einer seltsamen, schwer begreifbaren, schwer ertragbaren Lebensperiode; ich bin noch nicht alt, ich hätte, wenn ich auch größere poetische Leistungen kaum mehr von mir erwarten darf, Zeit zu manchen Dingen, aber niemand fordert mich auf, niemand will, niemand erwartet etwas von mir.“

Er selbst stirbt nur zwei Tage nach dem Selbstmord seines ältesten Sohnes in seiner geliebten Heimat Österreich. Die Grabstätte zieren die Worte: „Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens schlanke Flamme oder schmale Leier“, man mag sie als bezeichnend für das Leben des Dichters erkennen.

Hugo von Hofmannsthal und Anton Kippenberg gelang es in den Nachkriegsjahren nicht, einen angestrebten „ähnlichen Zustand“ des vormals so freundschaftlichen, liebevollen Verhältnisses wieder aufleben zu lassen. Der über 1100 Dokumente umfassende Briefwechsel zwischen Hofmannsthal und dem Insel-Verlag hält einen deutlich distanzierten Schreibstil in den Jahren nach 1918 fest, der auch die menschlichen Differenzen zwischen Autor und Verleger nicht verbergen kann. Eine spürbare Disharmonie scheint die Entfernung zwischen Leipzig und Rodaun bei Wien noch zu vergrößern, eine Annäherung findet bis zum Tod des Dichters 1929 nicht statt.

Leah-Sophie Neubert


Literatur

DPA (2013): Ende des Ersten Weltkriegs. Der Waffenstillstand von Compiègne, WELT. [Artikel] Abgerufen von https://www.welt.de/geschichte/article160308117/Der-Waffenstillstand-von-Compiegne.html.

Hamann, B. (2009). Österreich, München: Beck.

Kruse, W. (2013). Das Ende des Kaiserreichs. Militärischer Zusammenbruch und Revolution. [Artikel] Abgerufen von http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/ersterweltkrieg/155331/das-ende-des-kaiserreichs.

Kucher, P.-H. (2016). Hugo von Hofmannsthals Kriegsziel-Notizen im Kontext deutscher und österreichischer Süd-Ost-Europa-Konzepte im Ersten Weltkrieg, Zagreber germanistische Beiträge, 25, 29–44.

Schuster, G. (1985). Hugo von Hofmannsthal-Briefwechsel mit dem Insel-Verlag: 1901-1929, Frankfurt am Main: Buchhändler-Vereinigung GmbH.

Thiel, T. (2014). Hugo von Hofmannsthal im Ersten Weltkrieg: Requiem auf eine zerbrechliche Idee, Frankfurter Allgemeine Zeitung. [Artikel] Abgerufen von http://www.faz.net/1.2901657.

Volke, W. (1972). Neue Deutsche Biographie, Band 9 (Hofmannsthal, Hugo von). Abgerufen von https://www.deutsche-biographie.de/pnd118552759.html#ndbcontent.

 

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