13 – Die Minnesänger in Bildern der Manessischen Handschrift, die Heidelberger Liederhandschrift oder Codex Manesse

Die Manessische Handschrift ist eine der prächtigsten Geschenke der mittelalterlichen Kunst, weshalb sie wahrscheinlich auch die »königliche Handschrift« als Beinamen erhielt. Sie kann als die bedeutsamste Quelle dieser erblühenden deutschsprachigen Dichtkunst gesehen werden und bildet beifolgend ein Zeugnis hochgradig ausgebildeter Buchillustration. Die Liederhandschrift ist kein historisches Erstlingswerk, sie hat Vorstufen mit vielen Bezügen und Anlehnungen, doch in Größe, Vielseitigkeit und Pracht ist diese Sammlung unantastbar. Die Tiefe des Sammelsuriums bilden 140 Dichter, deren 6000 Lieder und Strophen die größte und vollständigste überlieferte Sammlung mittelalterlicher Minne-Lyrik darstellen. Den Texten jedes Dichters folgen  Informationen  zum Namen, Stand und Person des Sängers. Mit Ausnahme von drei Künstlern ist jedem ein Bild vorangestellt. Somit werden 137 ganze Blatt füllende und graziös gezeichnete Illustrationen, mit meist blau-rot-golden oder violetter Rahmung, in  Szene gesetzt.

Die Bilder umfassen vor allem Ritter in Vorbereitung oder dem eigentlichen Akt des Kampfes, Ritter im Turnier, Ritter als Dichter, Adelsherren, Liebesgedanken an die Schönheit und Tugenden der Frau, auch „frouwe“ genannt, abwechselnde Pärchen-Gesänge sowie die Jagd. Mündlich und musikalisch untermalt diente Minnesang der mittelalterlichen Hof-Unterhaltung. Das Wort Minne charakterisiert die Natur idealer, zeitloser und geistiger Liebe zwischen Sänger und dem von ihm verehrten weiblichen Zentrum des Seins, welches räumlich unerreicht bleibt.

Der Weg der Mannesischen Liederhandschrift trägt viele Lücken. Sie wurde in Zürich niedergeschrieben, kurz nach 1300, im Kreise des Ratsherrn Rüdiger ManesseII und seinem Sohn Johannes. Beide gehörten zu einem alten ansässigen Rittergeschlecht, welches es sich zur Aufgabe machte, ritterliche Lyrik sowie deren Nachklänge ruhelos zusammenzutragen. Nach den Erfahrungen über die ritterliche Schaffenszeit, ohne erkennbare Ambitionen der künstlerischen Bewahrung, folgte vom vornehmen Bürgertum der mächtigen, aufstrebenden und reichen Städte der weltliche Auftrag der  Zusammenführung. Bis 1571 gab es keine Informationen über den Verbleib der Sammlung, bis sie mit den Fuggerschen Handschriften ihren Weg in die kurfürstliche Bibliothek Heidelberg fand. Nach der Zerstörung von Heidelberg 1622, erschien sie 1657 in der Bibliothèque du Roivon Paris, ohne dass in Deutschland volle Gewissheit über deren Verbleib herrschte. Schließlich wurde sie 1888 durch Tausch nach Deutschland geholt und der Universitäts-Bibliothek Heidelberg beigeführt.

Aus dem reichen Bilderschatz der Handschrift hat Heft Nr.450 der Insel-Bücherei 24 Bilder ausgewählt und so zusammengestellt, dass der gesamte zeitliche Ablauf des Minnesangs durchquert werden kann. Erstmals erschien die Auswahl innerhalb der Insel-Bücherei im Jahre 1933. Darunter Tafel 11 (Original: T. 45), eines der bekanntesten Manessische Bilder mit Walther von der Vogelweide und Tafel 6 (Original: T. 41) mit Friedrich von Hausen.


Text: Maik Zimmermann
Bilder: Ingmar Stange