12 – Innere Welt nach Außen

Franz Kafka und sein Verleger Kurt Wolff

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diesen Brief.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Es ist ein milder Oktobertag im Prag des frühen 20. Jahrhunderts. Das Prager Tageblatt titelt in der Morgenausgabe groß „Die U-Boote an der Küste Amerikas“. Franz Kafka jedoch hat ganz andere Probleme im Kopf als den Ersten Weltkrieg, der Europa in Atem hält. Er sitzt an seinem Schreibtisch, vor ihm liegt die angekommene Post. Neben mehreren Karten von seiner bald wieder Verlobten Felice Bauer ist auch ein (heute verschollener) Brief seines Verlegers Kurt Wolff. In diesem äußert Wolff vermutlich Zweifel an der Veröffentlichung von Kafkas neuem Text „In der Strafkolonie“. Wolffs Brief setzt Kafkas Laune nur noch zusätzlich negativ zu. Diese war sowieso schon nicht die Beste gewesen, da es einen Disput mit Felice gab, weil er deren Mutter keine Postkarte zum jüdischen Neujahrsfest geschickt hatte.
Der Leipziger Verleger Wolff schreibt von einem Punkt in Kafkas Geschichte, die ihm unangenehm ist. Der erste Weltkrieg ist im vollsten Gange und Wolff, der gerade selbst erst vom Wehrdienst freigestellt wurde, möchte keine Texte mit Bezug zu Krieg, Folter oder ähnlichen Themen veröffentlichen. In Kafkas Geschichte jedoch wird die sehr brutale Bestrafung eines Verurteilten einer Strafkolonie geschildert.

Der Prager Schriftsteller nimmt seine Feder zur Hand und beginnt eine Antwort an Wolff zu verfassen. Er ist von dessen Ablehnung überrascht und versucht, seine Strafkolonie zu verteidigen. Für ihn selbst sind das Unangenehme und der Krieg allgegenwärtig.
Aber auch auf persönlicher Ebene ist für Kafka nicht alles friedlich. Der innige Bezug zu seinen Texten und das Zweifeln an der Veröffentlichung vermitteln ihm regelmäßig ein unangenehmes Gefühl. Denn er verarbeitet darin sehr häufig seine innere Welt und offenbart sich, auch wenn das für die allgemeine Leserschaft schwer zu entschlüsseln ist.
Jahre später sagt Wolff dazu:

„Nie hatte ich den geringsten Zweifel, daß diese Ambivalenz zwischen Furcht vor der Veröffentlichung und dem Wunsch nach Veröffentlichung ur-aufrichtig in Kafkas Wesen begründet war; ja die Abwehr erschien mir stärker ausgeprägt und ich empfand sie nicht nur als Abwehr einer literarischen Publizität, vielmehr als eine Abwehr der Außenwelt überhaupt.“

Bei der Strafkolonie scheint zumindest an diesem Oktobertag 1916 der Wunsch nach Veröffentlichung zu dominieren. Während Kafka den Brief an Wolff schreibt, ist der von ihm genannte Termin einer öffentlichen Lesung in München bereits fest eingeplant. Auch dort werden ihn zumeist negative Kritiken erwarten und doch wird er sich von diesen nicht entmutigen lassen. Ganz im Gegenteil. Die bestürzten Reaktionen werden Kafka anspornen und er wird kurz darauf in Prag seine zweite große Schaffensphase beginnen.

Zum Zeitpunkt des Briefwechsels sind sich Wolff und Kafka nur dreimal kurz begegnet und es werden auch keine weiteren Treffen folgen. Ihr gesamter Kontakt beruht auf einigen wenigen Briefen, in welchen beide immer höflich, aber distanziert miteinander umgehen. Beide versuchen einander in ihren Briefen nicht zu bedrängen, was die Zusammenarbeit jedoch nicht gerade erleichtert. Oftmals vermitteln deswegen Dritte wie Kafkas Prager Autorenfreunde Franz Werfel und Max Brod, mit welchem er eine innige Freundschaft führte. So ist es ein paar Jahre zuvor eigentlich Max Brod zu verdanken, dass es überhaupt zu einem Kontakt zwischen Kafka und Wolff kam. Auf einer gemeinsamen Reise, die auch über Leipzig führte, stellte er Kafka im Verlag vor. Und nun scheint Kafka Wolffs Brief an Brod zu kennen, deutet er doch an, zu wissen, was der Verleger Brod gegenüber zu seinem Novellenbuch äußerte.
Im Jahr 1916 arbeiten die beiden nun seit vier Jahren zusammen. Dabei geht es nie wirklich um Geld. Zwar erhält Kafka ein Honorar für seine Texte, verhandelt aber nicht. Viel wichtiger ist ihm die Gestaltung seiner Werke. Aus diesem Grund äußert Kafka auch im Brief vom 11. Oktober seine Meinung darüber, dass die Strafkolonie nicht in die eher einfach gestaltete Buchreihe „Der Jüngste Tag“ kommen soll.

Franz Kafka und Kurt Wolff mögen nicht die engste Autoren-Verleger-Beziehung haben. Sie waren keine Freunde. Aber sie schätzten den jeweils anderen und wussten, was sie an ihm hatten. So ist Franz Kafka auch keineswegs enttäuscht, als er am 11. Oktober schließlich seine Unterschrift unter das Antwortschreiben setzt und den Brief auf Reise nach Leipzig schickt.

Julia Voigt


Literatur:

Heller, E. & Born, J. (Hrsg.). (2009). Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit (Fischer-Taschenbücher, Bd. 1697, 11. Aufl.). Frankfurt am Main: Fischer.

Unseld, J. (1984). Franz Kafka. Ein Schriftstellerleben; die Geschichte seiner Veröffentlichungen; mit einer Bibliographie sämtl. Drucke und Ausgaben der Dichtungen Franz Kafkas 1908 – 1924 (Fischer-Taschenbücher, Bd. 6493). Zugl.: Berlin, Techn. Univ., Diss., 1981 u.d.T.: Unseld, Joachim: Franz Kafka, die Geschichte seiner Publikationen. Frankfurt am Main: Fischer.

Wolff, K. (2004). Autoren – Bücher – Abenteuer. Beobachtungen und Erinnerungen eines Verlegers (Wagenbachs Taschenbuch, Bd. 488, 1. Aufl.). Berlin: Wagenbach.

Zeller, B. & Wolff, K. (1980). Briefwechsel eines Verlegers. 1911 – 1963 (Fischer-Taschenbücher, Bd. 2248, Lizenzausg., erg. Ausg). Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

 

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