11 – Der großzügige Freund

Rainer Maria Rilke und sein Verleger Anton Kippenberg

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diese Briefe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rainer Maria Rilke. Diese und viele weitere tolle Buchstützen zu Literaten, Künstlern und Musikern gibt es auf www.buchstuetzen.de zu entdecken. Foto: © Bernhard Siller

 

Rainer Maria Rilke hatte zeitlebens einen wanderlustigen Lebensstil. Ob in Paris bei Bildhauer Auguste Rodin oder auf Schloss Duino bei Prinzessin Marie von Thurn und Taxis – Rilke hält es nie lang an einem Ort aus. Dieser ständige Wohnortwechsel wird ihm vor allem durch seinen großzügigen Verleger Anton Kippenberg ermöglicht.

1905 wird Kippenberg die Leitung des Leipziger Insel-Verlags zugetragen, in den er Rilke sofort aufnimmt. Die anfangs geschäftliche Beziehung entwickelt sich im Laufe der Zeit zu einer tiefen Freundschaft. Rilke, der Zeit seines Lebens finanzielle Schwierigkeiten hat, ist dabei stets der Hilfesuchende, obgleich es sich um Bitten nach Geld oder Rat handelt. Der nur ein Jahr ältere Kippenberg, fürsorglich und dennoch herzlich distanziert, stellt im Verhältnis der beiden den Weisen, Mahnenden dar.

Nur einmal in der langjährigen Freundschaft weist Rilke Kippenberg zurecht. Das Streitthema betrifft – wie so oft – Rilkes finanzielle Lage. Nachdem er im Juli 1914, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, nach Deutschland reist, erhält er 20.000 österreichische Kronen von einem anonymen Geldgeber. Rilke erfährt nie, dass es sich dabei um den Wiener Philosoph Ludwig Wittgenstein handelt, der bedürftige Künstler unterstützt. Kippenberg ist in Anbetracht der seit 1912 anhaltenden Schaffenskrise Rilkes und des schwindenden Absatzes seiner Bücher erleichtert über die Zuwendung. Er schlägt Rilke vor, die Verwaltung seines Vermögens zu übernehmen. Rilke besteht indes immer wieder auf die Auszahlung größerer Summen – etwa um den Aufenthalt bei der Künstlerin Lou Albert-Lazard in München zu finanzieren. Bereits im Oktober des Jahres 1915 ist die Wittgenstein-Schenkung beinahe vollständig aufgebraucht. Als Rilke in dieser Situation von der Versteigerung seines Hausstandes in Paris erfährt, erzürnt er und gibt Kippenberg die Schuld an seiner Misere. Im Brief schreibt Rilke über das vergangene Wiedersehen mit der „Herrin“. Hiermit bezieht er sich auf Katharina Kippenberg, die Frau seines Verlegers. Als Prokuristin des Insel-Verlags pflegt auch sie seit 1910 Briefkontakt mit Rilke. Anders als ihr Mann wahrt Katharina jedoch keine geschäftliche Distanz, sondern verehrt und umwirbt den Dichter. Dies schmeichelt Rilke, weshalb sie Freunde werden.

Im Brief vom 16. August 1915 hatte Kippenberg Rilke mitgeteilt, dass er fortan in Belgien die Herausgabe der „Kriegszeitung der 4. Armee“ leite. Dazu gratuliert Rilke Kippenberg in seinem Schreiben. Katharina übernimmt in dieser Zeit alle verlegerischen Tätigkeiten im Insel-Verlag, weshalb der Briefwechsel zwischen ihr und Rilke zunimmt und nun auch Angelegenheiten umfasst, die er vorher nur mit Kippenberg selbst besprochen hatte.

Rilkes Klagen thematisieren neben seiner Geldnot auch die Pfändung seines Pariser Hausstandes, bei der er seine wenigen Besitztümer verliert. Katharina Kippenberg sagt einmal, Besitz habe „so wenig ‚zu diesem heiligen Dichtertum [gepasst], daß er [Rilke] es gelassen hinnahm, als das Schicksal ihn noch von dem verlieren ließ, was er an ererbter und liebgewordener Habe besaß“. Daran wird deutlich, dass Rilke und Kippenberg ihre Auseinandersetzungen untereinander klären und Katharina dabei völlig außenvorlassen – sonst wüsste sie, dass Rilke angesichts der Pfändung seines Pariser Besitzes völlig aufgebracht war.

Die dem Insel-Verlag zufällig zugeflossene Schenkung habe Kippenberg laut Rilke dazu verleitet, nur die große Geldsumme zu sehen und die Notlage des Schriftstellers völlig auszublenden. An dieser Stelle sieht Rilke allerdings nicht, dass Kippenberg mit der Wittgenstein-Schenkung auch Rilkes Frau Clara sowie deren gemeinsame Tochter Ruth versorgt und Vorschüsse für seine Werke finanziert sowie Rücklagen für ihn anlegen will.

Kippenbergs Antwortbrief zeigt, wie sehr Rilkes Vorwürfe ihn verletzen. So empfindet er Rilkes Brief „weder lästig noch kränkend, nur schmerzlich, sehr sehr schmerzlich, wie selten ein Brief […]“.

Die vorgestellten Briefe sind bezeichnend für die Beziehung Rainer Maria Rilkes zu seinem Verleger Anton Kippenberg. Während Rilke impulsiv und fordernd gegenüber Kippenberg auftritt, bewahrt dieser stets einen kühlen Kopf, ohne dabei seine Herzlichkeit zu verlieren. Obgleich die beiden grundsätzlich verschieden sind, verbindet sie ihre Leidenschaft zur Literatur. Auch die „Herrin“ Katharina Kippenberg spielt im Verhältnis des Autors zu seinem Verleger keine unwesentliche Rolle, denn sie hat nicht nur Einfluss auf ihren Mann, sondern auch auf Rilke und stellt somit eine Art Anker in der Freundschaft von Autor und Verleger dar.

Caroline Siegel


Literatur:

Fleissner, E. M. (1930). Rainer Maria Rilke: Eine Anregung. The German Quarterly, 3, 95. https://doi.org/10.2307/400398.

King, M. (2009). Pilger und Prophet: Heilige Autorschaft bei Rainer Maria Rilke. Zugl.: Göttingen, Univ., Diss., 2008. Palaestra: Vol. 330. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Rilke, R. M., Kippenberg, A., Schnack, I., & Scharffenberg, R. (Eds.). (1995). Briefwechsel mit Anton Kippenberg 1906 bis 1926. Frankfurt am Main: Insel.

Schnack, I., Rilke, R. M., & Kippenberg, A. (Eds.). (1995). Briefwechsel mit Anton Kippenberg: 1906 bis 1926. Frankfurt am Main: Insel-Verlag.

 

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