10 – Schlafes Bruder

Anfang der Neunziger Jahre. Die Leipziger Verlage sehen nach der Wende einer ungewissen Zukunft entgegen. Einige Häuser geben ihre Dependenzen im Osten auf und verlagern das Verlagsgeschäft auf den westdeutschen Hauptstandort, darunter viele Belletristik-Verlage.

Auch der Reclam Leipzig erfährt einen massiven Stellenabbau bei gleichzeitiger Verlagsübernahme durch den Stuttgarter Schwesternverlag – und landet 1992 mit dem Debütroman des österreichischen Schriftstellers Robert Schneider überraschend noch einen Welterfolg. „

Schlafes Bruder“ erscheint aktuell in der 41. Auflage (!) und ist mittlerweile in über 30 Sprachen übersetzt worden. Auch die eindrucksvolle Verfilmung von Joseph Vilsmaier, die nur drei Jahre später in die Kinos kam, dürfte vielen bekannt sein. Mit dem Reclam-Archiv ist auch ein Beweisstück dieses Erfolges in das Bibliotop eingezogen: Das Millionste Exemplar.

Der Roman verfolgt die Entwicklung des Jungen Elias Alder zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In seinem von Inzucht geprägten Heimatdorf gilt er wegen seines Äußeren und seiner außergewöhnlichen musikalischen Begabung als Sonderling, berührt aber die Bewohner durch sein expressives Orgelspiel. Er selbst verliebt sich in seine Cousine Elsbeth, die jedoch einem anderen versprochen ist. Seine unerfüllte Liebe vereinnahmt ihn derart, dass er beschließt, nie mehr zu schlafen, da er in den Stunden des Schlafs nicht an die Geliebte denken kann.

Der Titel des Romans verweist auf den Choral „Komm, oh Tod, du Schlafes Bruder“ aus einer Kantate von Bach und nimmt gleichzeitig Bezug auf die griechischen Götter Hypnos, den Schlaf, und seinen Bruder Thanatos, den Tod.


Text: Luise Tönhardt
Bild: Ingmar Stange

 

Quellen:

Gäbler, M., 2010: Was von der Buchstadt übrig blieb. Die Entwicklung der Leipziger Verlage nach 1989. Leipzig: Plöttner, S. 148f.

Schneider, R., 1992: Schlafes Bruder. Ditzingen: Reclam.