10 – Erdbeben und Seismograph

Karl Kraus und sein Verleger Kurt Wolff

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diesen Brief.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Vulkane besitzen die Kraft, urplötzlich die Welt zu erschüttern, sie zu zerstören, die Geschichte zu beeinflussen. Was nach dem Ausbruch bleibt, ist fruchtbare Vulkanerde, auf der eine neue Stadt, eine neue Zukunft aufgebaut werden können. Mit ihren „literarischen Ausbrüchen“ können Autoren die Welt ebenfalls verändern, in dem sie etwa aktuelle Zustände kritisieren, veraltete Dogmen einreißen und so einen kulturellen Nährboden für neue Ideen und Denkweisen schaffen. Kurt Wolff ordnete sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Verleger die Aufgabe zu, diese expressionistischen Autoren zu erkennen und sie für die Ewigkeit zu konservieren, auf dass ihre Ideen und Werke nie vergehen würden. Jener „Seismograph“ besaß nicht zuletzt verstrickte und konfliktreiche Beziehungen zum österreichischen Schriftsteller Karl Kraus…

Um die Vulkanmetapher herum ranken sich die Konflikte, die während der Zusammenarbeit der beiden Männer sprossen und gediehen. Der hier beschriebene Konflikt entstand aus der Polemik Kraus gegen Kurt Hiller aus dem Kurt-Wolff-Verlag, der im Brief mit den Initialen „K.H.“ anonymisiert wird. Kraus und Hiller beleidigten sich und ihre Arbeiten, woraufhin Kraus sich gezwungen fühlte, aus Wolffs Verlag auszutreten. Wolff antwortete auf Kraus‘ Gesuch mit einem äußerst anbiedernden Brief.

Ein klares Machtgefälle kennzeichnet die Struktur des Briefes: Kraus steht auf einem „Podest“ und Wolff blickt zu ihm hinauf. Mit seinen „jungen 26 Jahren“ stellt er sich als dumm und naiv dar und plädiert auf verminderte Schuldfähigkeit. Bewunderung, Reue, Ergebenheit bekundet er seinem „Vulkan“ und mit fast schon zu schmeichelnden Worten hebt Wolff ihn vom Podest in den Himmel. Nur in einem Punkt widerspricht Wolff dem Autor, nämlich wie der Verleger zu arbeiten hat. Während Kraus, selbst Gründer einer Zeitung, auch den Verlag als Zeitung mit kongruentem Programm ansieht, schlägt Wolff eine neutrale Richtung ein. Ein Verlag kann, im Gegensatz zu einer Zeitung, Werke von Autoren veröffentlichen, deren Inhalte sich widersprechen oder ausschließen, denn ein Verleger muss, im Vergleich zu einem Zeitungsherausgeber, auf keine „redaktionell einheitliche[]“ Struktur achten. Mit den weisen Worten „Seismograph nicht Seismologe sein“ beweist Wolff somit trotz selbstauferlegtem Jünglingsstatus einen hohen Grad an Verständnis für seinen Beruf.

Die Erfahrungen, die er aus dem Intermezzo Kraus und „K.H.“ gezogen hat, waren überaus wertvoll für Wolff, denn drei Jahre später schaffte er es, Kraus erneut für sich zu gewinnen, indem er exklusiv für den Autor einen eigenen Verlag gründete.

Kraus‘ Arbeit brachte den Seismographen Wolff so stark zum Ausschlagen, dass ihm nichts anderes übrigblieb, als dafür zu kämpfen, dieses Potenzial festzuhalten und in die Öffentlichkeit zu tragen. Acht Jahre fand Kraus sich erneut in einem Streit mit Franz Werfel wieder. Hier führte er allerdings zu einer endgültigen Trennung zwischen Verleger und Autor. Eine solch „völlige Lösung“ konnte von Wolff im Jahre 1913 noch abgewendet werden, wobei der vorliegende, äußerst verführerische Brief von Wolff an Kraus zweifellos dazu beigetragen hat.

Josephine Michl


Literatur

Otten, E./ Zeller, B. (1966). Kurt Wolff – Briefwechsel eines Verlegers 1911-1963, Frankfurt am Main: Verlag Heinrich Scheffler.

Pfäfflin, F. (2007). Zwischen Jüngstem Tag und Weltgericht – Karl Kraus und Kurt Wolff Briefwechsel 1912-1921, Göttingen: Wallenstein Verlag.

 

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