1 – Die Kunst des Verlegens von Freunden

G. C. Lichtenberg und sein Verleger J. C. Dieterich

Der folgende Beitrag bezieht sich u.a. auf diesen Brief.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

G. C. Lichtenberg. Diese und viele weitere tolle Buchstützen zu Literaten, Künstlern und Musikern gibt es auf www.buchstuetzen.de zu entdecken. Foto: © Bernhard Siller

 

Beim Geld hört die Freundschaft auf. Um Turbulenzen in einer gefestigten Freundschaft aus dem Weg zu gehen, schließen die wenigsten Unternehmer geschäftliche Verträge mit ihren engsten Vertrauten. Eine objektive Sicht auf die Kompetenzen eines geschätzten Menschen zu haben, fällt schwer. Zu viele gemeinsame Verbindungen außerhalb der Geschäftsmöglichkeit vermischen sich und trüben den Blick.

Das Verhältnis zwischen Autor und Verleger verspricht viele Reibungspunkte und sollte diese Anschauung bestätigen – oder nicht?

Johann Christian Dieterich war ein Verleger, der seine Karriere in Göttingen begann. Dies zu einer Zeit, in der Meinungsverschiedenheiten zwischen Studenten noch in Duellen ausgefochten wurden und sich die Stadt nach dem siebenjährigen Krieg in einem wenig einladenden Zustand befand. Als Universitätsbuchhändler verbuchte er schnell verlegerische Erfolge und gründete bald eine Druckerei. Dieterich hatte eine schwere Aufgabe vor sich. Er musste dafür sorgen, dass der Verlag wirtschaftlich sicher aufgestellt war und möglichst gute Schriftsteller für den Verlag gewinnen.

Dieterich und Georg Christoph Lichtenberg lernten sich in Göttingen kennen und schon nach kurzer Zeit der Freundschaft war Lichtenberg ein häufig gesehener Gast im Hause Dieterichs. Fast alle seine Publikationen legte Lichtenberg in die Hände des Verlegers, wobei die Geldsummen, die als Honorar vereinbart wurden, nie Anlass zu Streitigkeiten zwischen Autor und Verleger gaben. Es ist klar zu erkennen, dass Dieterich Lichtenberg viele Freiheiten in seiner Tätigkeit ließ. Lichtenberg hielt sich an abgesprochene Fristen und verstand es, seine Publikationen für ein breites Publikum verständlich zu formulieren. Außerdem kam er in einigen Veröffentlichungen dem Wunsch Dieterichs nach und kürzte die Anzahl der Seiten ohne Proteste. Grund hierfür war die Tatsache, dass er die Kompetenzen des Verlegers anerkannte und das Verständnis aufbrachte, die ökonomische Seite des Verlegers zu akzeptieren. So schrieb Dieterich selbst in einem Brief, er wisse „wan ich waß verdiene, der Autor auch verdienen, und zufrieden seyn muß“. Dieterich und Lichtenberg sprachen viel über die Entwicklungen des Verlages, teilten aber auch andere Aspekte des Lebens miteinander.

Auf seinen Reisen schloss Lichtenberg viele neue Freundschaften, welche ihm einige Möglichkeiten eröffneten, seinen Verleger und Freund zu unterstützen. Unter anderem spricht Lichtenberg vor dem englischen König „wie für einen Bruder“ von Dieterich, um ihm ein späteres Darlehen zu ermöglichen.

In dem vorliegenden Brief an Dieterich zeigt sich die Erleichterung Lichtenbergs, denn das gemeinsame Vorhaben, dem englischen König im richtigen Rahmen die Bittschriften Dieterichs zu überreichen, ist ein Erfolg. Während seines Aufenthaltes im Kreise des Königs unternahm Lichtenberg einen Ausflug nach Birmingham, wo er sowohl aus Eigeninteresse als auch im Interesse seines Freundes die Druckerei und Schriftgießerei Baskervilles besichtigte. Was man heute vielleicht als Industriespionage bezeichnen würde, verhalf Dieterich zu einem besseren Einblick in die englische Druckkunst. Nachdem Lichtenberg von seiner zweiten Englandreise zurück nach Göttingen kam, zog er zur Miete in ein Haus seines Freundes Dieterich. Lichtenbergs Besuche von hohen Persönlichkeiten wie Herzog Karl August, Georg Forster, Heinrich Christian Boie und Johann Wolfgang von Goethe warfen ein gutes Licht auf den Verlag und steigerten dessen Bekanntheit. Als sich später Lichtenbergs gesundheitlicher Zustand zunehmend verschlechterte, kümmerte sich Dieterich aufopfernd um seinen Vertrauten.

Die Freundschaft von Lichtenberg und Dieterich war stets ein Vorteil in der Zusammenarbeit und nie ein Hindernis, das umschifft werden musste. So schrieb Lichtenberg in einem Aphorismus: „Was die wahre Freundschaft […] so entzückend macht, ist die Erweiterung seines Ichs, und zwar über ein Feld hinaus, das sich im einzelnen Menschen durch keine Kunst in der Welt schaffen läßt“. Dass er bei diesen Worten an seinen Freund Dieterich dachte, kann man sich nur allzu gut vorstellen.

Text: Gregor Remke


Literatur

Batt, K. (Hrsg.). (1963) Lichtenberg Aphorismen Essays Briefe. Leipzig: Dieterich’sche Buchhandlung.

Deneke, O. (1944). Lichtenbergs Leben. Erzählt von Otto Deneke. München: Ernst Heimeran Verlag.

Promies, W. (Hrsg.). (1994) Georg Christoph Lichtenberg Schriften und Briefe IV. München: Carl Hanser Verlag.

Wilnatt, E. (1993). Johann Christian Dieterich. Ein Verlagsbuchhändler und Drucker in der Zeit der Aufklärung. Frankfurt am Main: Buchhändler-Vereinigung GmbH.

 

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